Erfolg als Gefahr: „Wer den ganzen Tag die Welt rettet, verliert mitunter die wichtigen Dinge des Lebens aus den Augen“

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100 Tage Zwangspause im ägyptischen Gefängnis

Jens Brehl: Wann haben Sie erkannt, dass Sie in einem Hamsterrad steckten, sich selber verloren hatten und damit auch Sekem gefährdeten?

Helmy Abouleish: Als es sich abzeichnete, dass Mubarak seine Präsidentschaft aufgeben muss, versuchte er sich ein letztes Mal aufzubäumen. Dazu ließ er neben Ministern auch etliche wichtige private Aktivisten inhaftieren. Ihnen wurde Veruntreuung und Korruption vorgeworfen. Ich selber wurde aufgefordert zwecks einer Befragung den Staatsanwalt aufzusuchen und wurde dann verhaftet. Alle Inhaftierten und auch die Verurteilten sind übrigens wieder frei, weil die Vorwürfe haltlos waren.

Von Ende März bis Anfang Juli 2011 saß ich nun im Gefängnis Tora in Untersuchungshaft. Auf einmal hatte ich 100 Tage, in denen ich zur Ruhe kommen und alles bisher Geschehene reflektieren konnte. Ich hatte die Gelegenheit mich wieder zu besinnen, konnte Innenschau betreiben und musste keine 24 Stunden am Tag an der Oberfläche bleiben. Kein Telefon, kein I-Pad, keine Termine. Gleich zu Beginn im Gefängnis dachte ich, dass meine Zeit hier eine große Chance ist und ich wurde das Gefühl nicht los, eine wichtige Botschaft von der Geistigen Welt zu erhalten. Ansonsten wäre ich nicht in diese von außen betrachtet absurde Situation geraten. Ich musste die Botschaft nur erkennen. Meine Tochter Soraya öffnete mir dann bei einem ihrer Besuche die Augen. Sie freute sich, dass ich in Untersuchungshaft saß, denn noch nie hätte sie so viel Zeit mit mir in Ruhe verbringen können. Das gab mir endgültig zu denken, ob meine Prioritäten in der Vergangenheit richtig waren.

Jens Brehl: Was hat sich in Ihrem Leben durch die Zeit in Tora geändert?

Helmy Abouleish: Man kann nicht nur ein Gefangener hinter Mauern, sondern auch in seiner eigenen Welt gefangen sein. Ich hoffe, dass es mir künftig auch ohne Krise gelingt mich zu ändern und ich dazu im Vorfeld über die rechtzeitige Einsicht die Zeichen erkenne.

Ich konzentriere mich heute auf die Entwicklungsarbeit in Sekem. Die Öffentlichkeitsarbeit habe ich deutlich reduziert. Früher war ich einmal in der Woche entweder im amerikanischen Raum, in Europa oder Asien unterwegs. Heute bin ich das maximal einmal im Monat. In meinem Fokus stehen vermehrt Freiräume für mich, um zu denken und innezuhalten. So versuche ich beispielsweise jeden Tag zu lesen. Außerdem nehme ich mir deutlich mehr Zeit für die Familie. Zwei meiner Töchter leben und arbeiten auch in Sekem und so sehe ich meine Enkelkinder jeden Tag. Was für ein Geschenk!

Alleine und auch in Gesprächen mit anderen Menschen beschäftige ich mich wieder stärker mit gemeinsamen Visionen. Unsere Zukunft wird sich derart verändern, dass sich das manch einer noch nicht vorstellen kann. Unseren heutigen Lebensstil wird es nicht mehr geben. Ich bin beispielsweise überzeugt, dass in zehn oder zwanzig Jahren die biologische und biologisch-dynamische Landwirtschaft günstiger als die konventionelle sein wird. Die Zeiten von massivem Einsatz von Kunstdünger, Pestizide und dergleichen sind bald vorbei – weil wir sie uns schlicht nicht leisten können.

Daran gilt es weiter zu arbeiten und auch in Deutschland gibt es genug „Wüsten“, in denen man „Bäume pflanzen“ und die Welt verändern kann.

Jens Brehl: Vielen Dank für das inspirierende Gespräch.

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