Erfolg als Gefahr: „Wer den ganzen Tag die Welt rettet, verliert mitunter die wichtigen Dinge des Lebens aus den Augen“

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Stolperfalle Erfolg

 

Jens Brehl: Sie erwähnten auf einem Vortrag, dass der Erfolg eine Gefahr geworden ist. Können Sie dies näher erläutern?

Helmy Abouleish: Als der Erfolg mit dem alternativen Nobelpreis immer klarer wurde, hat bei mir und Sekem eine Verdünnung stattgefunden. Immer mehr Kraft floss in das Präsentieren im Außen und es blieb weniger Zeit für innere Arbeit und Reflektion. Bei mir wurde es dermaßen extrem, dass ich in Ägypten aber auch international Mitglied in über 50 Ausschüssen und Organisationen war. Als Sekems Außenminister war ich jede Woche für mehrere Tage in der Welt unterwegs, traf wichtige Regierungschefs, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel aber auch Präsident Barack Obama im Weißen Haus. Ich hatte sämtliche Mobilnummern der ägyptischen Minister und sie meine. Man hörte mir zu – was meinem Ego durchaus schmeichelte.

Es war eine schöne und vor allem lehrreiche Zeit. Doch vergaß ich Freiräume für mich und meine Familie zu schaffen. Regelmäßige Innenschau oder gar ausgiebige Reflektion der Geschehnisse vernachlässigte ich fast völlig. Jeden Morgen treffen sich alle Mitarbeiter Sekems in einem großen Kreis. Ich fehlte immer häufiger, denn ich hetzte von Termin zu Termin. Für meine persönliche Entwicklung und für die von Sekem blieben kaum noch Ressourcen. Eine der herausragenden Fähigkeiten von Sekem war es, die Zukunft sehen zu können, doch allmählich wurden wir blind. Von der ersten ägyptischen Revolution wurden wir beispielsweise vollkommen überrascht. Wenn man jeden Tag die Welt rettet, läuft man Gefahr die wichtigen Dinge des Lebens aus den Augen zu verlieren.

Jens Brehl: Wenn wir weltweit die wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Missstände betrachten, wird die Notwendigkeit schnell klar neue Wege zu beschreiten. Konnten Sie Sekems Vision Politikern und Staatslenkern näher bringen? In der realen Politik scheint wenig angekommen zu sein.

Helmy Abouleish: Unser erfolgreiches Konzept in Sekem gibt Antworten auf viele drängende Fragen der heutigen Zeit. So versuchte ich aufzuzeigen, dass reines wirtschaftliches Wachstum keine Probleme löst, sondern oft erst erschafft. Daher wollte ich eine ganzheitliche Sicht- und Handelsweise etablieren, wie man im Einklang mit der Natur leben und wirtschaften kann.

Ich musste jedoch erleben, dass oft in solchen Gesprächen mir oberflächig zugestimmt wurde, aber keine konsequenten Taten folgten. Hautnah erkannte ich, wie ineffizient und uninspiriert Politik mitunter betrieben wird. Die Politiker selber stehen unter hohem Druck und Terminstress. Das gegenwärtige Wirtschaftssystem erscheint ihnen zu mächtig, als daraus ausbrechen zu können. Auch wenn Sie uns in Sekem besuchten, waren sie begeistert, haben geklatscht und wollten auch in ihrer Heimat ähnliche Projekte verwirklichen. Passiert ist jedoch wenig, denn das System hat sie schnell wieder eingefangen. Ich habe es ja am eigenen Leib erlebt, wie schnell man in einem Hamsterrad zum Sklaven werden kann und keine Zeit für grundlegende Dinge mehr hat.

Rückblickend betrachtet waren unsere vielen handfesten Projekte wertvoller für die Welt, als etliche Treffen mit Staatsoberhäuptern und Politikern. Dennoch teile ich weiterhin gerne mein Wissen, denn ich habe durch die vielen Gespräche auch einiges gelernt. Heute arbeite ich national wie international verstärkter mit Menschen zusammen, von denen auch eine tatsächliche Änderung ausgeht. Eine Einladung ins Weiße Haus würde ich heute wahrscheinlich ausschlagen, wenn ich zeitgleich mit einem Menschen zusammentreffen könnte, der aktiv etwas im sozio-ökologischen Bereich bewirkt.

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Kategorie: die Freigeber Story

3 Kommentare

  1. Solche Menschen braucht die Welt. So dass die Welt jeden Tag ein kleines bisschen besser wird.

  2. Kann ich nur unterschreiben was Peter schreibt.
    Ich geb die Hoffnung nicht auf dass es jeden Tag mehr werden!
    Und es braucht Menschen, wie dich lieber Jens, die solches Tun kommunizieren!
    Danke dafür! Weiter so!!!
    Gruß
    Stefan

  3. Letzte Woche hatte ich auf der BioFach erneut die Gelegenheit Helmy Abouleish zu treffen. War wieder ein interessantes und aufschlussreiches Gespräch und ich kann mir vorstellen, auch künftig spannende Themen zu entdecken.

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