Erfolg als Gefahr: „Wer den ganzen Tag die Welt rettet, verliert mitunter die wichtigen Dinge des Lebens aus den Augen“

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Jens Brehl: Welche Aufgaben haben Sie bereits als Schüler übernommen und was machen Sie heute?

Helmy Abouleish: Die Sekem Farm liegt ungefähr 50 Kilometer östlich von Kairo in der Wüste. Bereits mit 21 Jahren war ich dort der Verwalter – wobei das zunächst mit insgesamt drei dort arbeitenden Menschen überschaubar war. Anfangs gab es dort kein Telefon und Mobilfunk oder Internet existierten noch nicht. Daher unterhielten wir ein Büro in Kairo, welches es auch heute noch gibt. Als mein Vater 1984 einen Herzinfarkt erlitt und ein Jahr in Deutschland behandelt werden musste, saß ich von einem Tag auf den anderen nicht mehr auf dem Traktor, sondern in Anzugshose und Hemd hinter dem Schreibtisch unseres Büros. Plötzlich musste ich mich um den Vertrieb kümmern und Gespräche mit Banken führen. Als mein Vater zurückkam war er mit meiner Arbeit zufrieden und seitdem bin ich Geschäftsführer von allen Sekem-Betrieben.

Nachdem mein Vater 2003 den alternativen Nobelpreis bekam, erhielten wir national wie international viele Anfragen und Einladungen. Wir benötigten ab diesem Zeitpunkt jemanden, der Journalisten und Politikern Sekem näher bringen kann. Daher schlüpfte ich zusätzlich in die Rolle des Außenministers.

Jens Brehl: Anfangs dominierte der Kampf ums Überleben. Was sind die heutigen Herausforderungen mit denen Sekem konfrontiert ist?

Helmy Abouleish: Die größte Herausforderung ist es, die Vision aufrecht zu erhalten und auch täglich zu leben, denn immerhin sind wir mittlerweile 2.000 Menschen. Dass die Sekem Gemeinschaft mit seinen Freunden und Partnern eine lernende und lebendige Gemeinschaft bleibt, die sich jeden Tag entwickelt und verändert. Sobald wir stehen blieben, würde auch die Idee absterben. Der Wandel findet jeden Tag statt. Sich auf den Erfolgen auszuruhen ist eine Gefahr.

Jens Brehl: Was sind denn Sekems größte Erfolge?

Helmy Abouleish: Aus ökologischer Sicht ist es der Stopp des Versprühens von Pestiziden aus Flugzeugen in Ägypten 1991. Damals gingen die ägyptischen Exporte landwirtschaftlicher Produkte, allen voran Baumwolle, aufgrund von zu hohen Belastungen mit chemischen Pflanzenschutzmitteln deutlich zurück. Das Landwirtschaftsministerium wandte sich an uns. Auf Versuchsflächen zeigten wir, dass man auch ohne das Versprühen von Pestiziden ertragreich anbauen kann. Seit damals haben wir den jährlichen Einsatz von Pestiziden in Ägypten um 95 Prozent reduzieren können, was etwa 30.000 Tonnen entspricht.

Durch das Gründen von Kindergärten, Schulen und der Universität im letzten Jahr haben wir bewiesen, dass sich das Investieren in die Menschen, in deren individuellen Fähigkeiten, das Wiederverbinden mit der Geistigen Welt für alle ein großer Gewinn ist. Daher nutzen wir zehn Prozent der Arbeitszeit für die persönliche Entwicklung eines jeden Mitarbeiters. Das klingt betriebswirtschaftlich gefährlich. Das es uns jedoch noch gibt bestätigt, dass dies eine gute Investition in die Zukunft ist – vor allem um unsere Vision zu erhalten.

Doch das größte Wunder ist, dass trotz der Verschiedenheit unserer Mitarbeiter vom Bauern bis zum Universitätsprofessor und der ethnischen Herkünfte, wie Araber, Beduine und Europäer eine lebendige Gemeinschaft entstanden ist. Bei uns treffen sich friedlich Orient und Okzident – und damit auch Islam und Christentum.

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Kategorie: die Freigeber Story

3 Kommentare

  1. Solche Menschen braucht die Welt. So dass die Welt jeden Tag ein kleines bisschen besser wird.

  2. Kann ich nur unterschreiben was Peter schreibt.
    Ich geb die Hoffnung nicht auf dass es jeden Tag mehr werden!
    Und es braucht Menschen, wie dich lieber Jens, die solches Tun kommunizieren!
    Danke dafür! Weiter so!!!
    Gruß
    Stefan

  3. Letzte Woche hatte ich auf der BioFach erneut die Gelegenheit Helmy Abouleish zu treffen. War wieder ein interessantes und aufschlussreiches Gespräch und ich kann mir vorstellen, auch künftig spannende Themen zu entdecken.

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