Und plötzlich ging das Licht aus

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Als ich Ende 2008 schwer am depressiven Erschöpfungssyndrom – umgangssprachlich „Burnout“ – erkrankte, hätte ich nie für möglich gehalten, offen zu meinen Erfahrungen zu stehen. Im Dezember 2010 bekannte ich mich mit meinem Artikel „Und plötzlich ging das Licht aus – Burnout als Neubeginn – Eine persönliche Erfahrung“ erstmals öffentlich. Zur Feier meines seit kurzem im Handel erhältlichen Taschenbuchs „Mein Weg aus dem Burnout“ möchte ich meinen damaligen Artikel auch hier in voller Länge veröffentlichen.

„Keine Sorge, ich bekomme das hin. Läuft.“ Ich lege den Hörer auf und bin erstaunt, wie flüssig mir die Lüge von den Lippen gegangen ist. Ich hoffe auf ein Wunder in letzter Sekunde, denn ich habe absolut keine Ahnung, wie ich den Auftrag bewältigen soll. Jedoch ist mir bisher immer eine Lösung eingefallen, schließlich bin ich nicht nur ein absolut zuverlässiger Journalist, sondern auch ein kreativer und unfehlbarer Presseberater – so mein Selbstbild. Warum es mir in letzter Zeit kaum noch gelingt diesem zu entsprechen, verschließt sich mir noch. Ich werde es aber bald erfahren.

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Ein schleichender Prozess

Im Frühjahr 2008 lerne ich eine Kollegin kennen, die freiberuflich in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig ist. Schnell kommen wir ins Gespräch und bald auch ins Geschäft. Mein Medienbüro ist zum damaligen Zeitpunkt wenige Monate alt. Ich halte mich als freier Journalist und mit der Pressearbeit für kleine Unternehmen über Wasser. Zuvor hatte ich dabei mitgewirkt ein Onlinenachrichtenportal aufzubauen, Geld habe ich dafür keines gesehen. Zurück in meiner Heimatstadt, gründe ich mein Medienbüro; der finanzielle Druck ist immens.

Meine Kollegin hat einen dicken Fisch an der Angel. Sie fragt mich, ob wir den Kunden nicht gemeinsam betreuen möchten; meine Aufgaben wären die Textarbeiten, die Pflege des Presseverteilers und die Medienresonanzanalyse. Begeistert nehme ich das Angebot an, mein Einkommen steigt dadurch sprunghaft. Finanzielle Sorgen treten in den Hintergrund. Mein Arbeitspensum schießt weiter in die Höhe, tagelang kann ich mein Heimbüro und meine Wohnung nicht verlassen. Die sozialen Kontakte finden per E-Mail und Telefon statt und beschränken sich auf die berufliche Ebene. Für Freunde, Familie und ein Privatleben im Allgemeinen habe ich schon lange keine Zeit. So kommt es, dass ich mich allwöchentlich auf den Freitag freue: An diesem Tag gehe ich Lebensmittel einkaufen und sehe daher viele Menschen.

Neben dem Großkunden kann ich weitere Projekte gewinnen, denn ich bin nun aus finanzieller Sicht entspannt genug für die Gespräche. Im Herbst 2008 scheine ich endlich meinen Durchbruch geschafft zu haben. Nie zuvor habe ich mehr Geld verdient. Ich steigere mich in einen wahren Schaffensrausch hinein und finde es schick überarbeitet und ausgelaugt zu sein. Es verdeutlicht in meinen Augen, dass ich ein sehr gefragter und viel beschäftigter Mensch bin – ich empfinde mich als ein erfolgreiches und wertvolles Mitglied der Gesellschaft.

Moralische Konflikte

Zunächst habe ich viel Freude mit meiner Arbeit für den Großkunden. Man ist mit meinen Leistungen zufrieden und hin und wieder erreicht mich ein Lob. Mir ist bewusst, dass das Unternehmen die Welt nicht zu einem besseren Ort macht und kaum gemeinnützige Ziele erfolgt. Bis dato war ich der Meinung, ich könnte den Spagat zwischen der Pressearbeit für diesen speziellen Kunden und meiner Tätigkeit als wahrhaftiger Journalist bewältigen. Das eine ist eben der Brotjob, das andere die Leidenschaft. Spätestens als ich Personalabbau in einer Pressemitteilung positiv darstelle und einige Medien den Text unverändert übernehmen, kann ich den moralischen Konflikt nicht mehr leugnen.

Der Paukenschlag

Wenige Wochen später ist meine Aufgabe simpel: Ein Pressetext für das Großunternehmen, reiner Standard, moralisch dieses Mal vertretbar. Ich kenne alle relevanten Fakten und habe den ungefähren Wortlaut bereits im Kopf. Doch die Idee möchte nicht geboren werden: Meine Finger weigern sich das zu tippen, was ich denke. Jede Formulierung ist für sich betrachtet eine Katastrophe, von einem roten Faden möchte ich gar nicht erst reden. Mit einem Schlag glaube ich zu wissen, dass ich meinen Verstand verloren habe. So fühlt es sich also an, wenn man verrückt wird. schießt mir durch den Kopf. Plötzlich ergeben die vorangegangenen Anzeichen einen Sinn für mich: Ich schaffe es kaum pünktlich meine Arbeiten abzugeben und reihe einen (Anfänger-) Fehler an den anderen. Klingelt das Telefon, bekomme ich augenblicklich Panikattacken, bei denen mein Herz aus meiner Brust zu springen scheint. Was habe ich wieder falsch gemacht, welche neue Katastrophe erwartet mich? Lege ich nach dem Telefongespräch auf, kann ich mich nur noch selten an dessen Inhalt erinnern. Angst meine E-Mails abzurufen stellt sich ein, wann ich das letzte Mal gut geschlafen habe weiß ich nicht mehr: Albträume plagen mich. Es fällt mir immer schwerer aufzustehen und in den Tag zu starten. Ich kann Ewigkeiten von meinem Bett aus die Zimmerdecke anstarren. Meine Umwelt nehme ich nur noch grau wahr. Wenn ich einen lustigen Film schaue denke ich, jetzt musst du lachen und verziehe dennoch keine Miene. Nichts scheint mich mehr zu berühren. Der Sinn des Lebens war noch nie so weit entfernt wie jetzt. Im Januar 2009 erreiche ich meinen gesundheitlichen Tiefpunkt. Eines Morgens wache ich auf und stelle mir eine Frage: Springe ich lieber aus dem Fenster oder versuche ich meine Arbeit zu erledigen? Bei beiden Optionen verschließt sich mir ein tieferer Sinn. Das gibt mir zu denken.

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Kategorie: die Freigeber Story, in eigener Sache

Ein Kommentar

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