Und plötzlich ging das Licht aus

| 1 Kommentar

Der erste Schritt

Eineinhalb Monate darauf stehe ich vor dem Eingang und lese die großen Letter darüber: Psychosomatische Klinik. So tief bin ich also gesunken. Mutlos ziehe ich meinen Koffer hinter mir her und melde mich an. Später am Tag treffe ich die Patienten meiner Station und bin das erste Mal seit langem wieder Teil einer sozialen Struktur. Das macht mir Angst. Generell bin ich skeptisch, verstehe einen Teil der Krankenhausvorschriften nicht. Es fällt mir schwer mir die vielen Regeln überhaupt zu merken.

Die Balkontür meines Einzelzimmers ist abgeschlossen; es befindet sich im sechsten Stock. Der Kalender weist Frühjahr aus, dessen unbeeindruckt üben die Temperaturen derweil für den Hochsommer. In meinem Zimmer ist es mittags daher stickig und ich kann lediglich ein kleines Fenster über der Balkontür öffnen. Zwei Mal in der Woche gibt es eine Stationsrunde. Wir, die Patienten, sitzen im Kreis zusammen mit unseren beiden Therapeuten und der Stationsschwester. Hier werden zentral die einzelnen Sorgen und Fragen besprochen. Wer eine offene Balkontür möchte, muss es sagen. Ich melde mich unsicher, meine Stimme ist kurz vor der Kapitulation, Tränen wollen in die Augen schießen. Durch reine Willensanstrengung kann ich das verhindern. Kann meine Balkontüre geöffnet werden? bringe ich unsicher hervor. Meine Therapeutin nimmt die Frage zur Kenntnis und bittet mich zu einem persönlichen Gespräch später am Tag.

Ein paar Stunden nach der Stationsrunde sitze ich meiner Therapeutin gegenüber. Können Sie mit einer offenen Balkontür umgehen? Ich verstehe die Frage nicht, denn wie man eine Tür öffnet, habe ich als Kind gelernt. Sind Sie in der Lage bei Problemen auf sich aufmerksam zu machen und sich Hilfe zu holen? Der Groschen fällt und ich bin geschockt. Die Ärztin möchte wissen, ob ich mich vom Balkon stürzen möchte. Ich erinnere mich von meinem Gedankengang bei mir zu Hause aus dem Fenster zu springen erzählt zu haben. Es erstaunt mich, dass meine Aussage überhaupt wahrgenommen wurde. Langsam dämmert mir der Ernst der Lage, in der wir uns alle befinden. Es gelingt mir die Therapeutin zu überzeugen. Am Nachmittag schließt die Stationsschwester lächelnd die Tür auf und ich betrete den Balkon. Meine Brust spannt sich unter den tiefen Atemzügen und ich habe einen Schritt in die richtige Richtung getan.

Es geht bergauf

Im Krankenhausalltag finde ich mich langsam aber sicher zurecht. Es entstehen Bänder zwischen meinen Mitpatienten und mir. Unsere Gespräche tun mir sehr gut. Kaum einer trägt eine Maske, die meisten zeigen sich so, wie sie sind und mit all ihren Schwächen. Gegenseitig haben wir oft mehr voneinander erfahren, als nahe stehende Familienangehörige. Teilweise entsteht unter uns Patienten das Gefühl, sich länger als nur ein paar Wochen zu kennen. Das schweißt zusammen.

Ich erkenne, dass sich Depressionen mit oder ohne Burnout durch alle Schichten und Altersklassen unsere Gesellschaft ziehen: Vom Studenten, über den Arbeitslosen, der Hausfrau, den Angestellten, dem Unternehmer bis zum Rentner. So unterschiedlich die Menschen sind, haben doch einige eines gemeinsam: Sie glauben zu einem gewissen Grad funktionieren zu müssen, um geliebt werden zu können und wertvoll zu sein. Die eigenen Bedürfnisse werden unterdrückt und sich im Gegenzug dafür auch noch physisch und seelisch verausgabt.

Das Krankenhaus nehme ich als Taucherglocke wahr: Die Außenwelt ist noch vorhanden, aber wir sind geschützt. Ich blühe mehr und mehr auf, besonders in der weichen Therapieschiene, für die ich eingeteilt wurde. Ich male mit Fingerfarben meine Gefühle, verbringe viele ruhige Momente in der Natur und öffne mich in den tiefenpsychologischen Gesprächsrunden. Einmal in der Woche wird mir schwimmen verordnet. Ich plansche das erste Mal seit Jahren im Wasser. Zunächst versuche ich Leistung zu bringen, indem ich in möglichst kurzer Zeit möglicht viele Bahnen zurücklege. Doch schon bald gehe ich zum entspannten Schwimmen über und genieße meine Zeit im nassen Element. Ich beginne mich von meinen inneren Einpeitscher, von dem Müssen zu lösen.

Plötzlich kann ich an einem warmen Sonntagnachmittag auf der Parkbank sitzen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Der Drang in jedem Moment produktiv sein zu müssen ist in den Hintergrund gerückt; ich bin entschleunigt. Die Therapien gefallen mir, denn letzten Endes wird die Selbstverantwortung gefordert, die Selbstkontakt gefördert und die Selbstfindung ermöglicht. Außenstehenden ist es schwer zu vermitteln, was wir tun. Im Grunde erinnern mich unsere Übungen oft an den Kindergarten. Zunächst werte ich daher automatisch alles ab, später erkenne ich wie wichtig es ist, sein inneres Kind auszuleben. In der Körperwahrnehmungsschulung legt man uns kleine Sandsäckchen auf den Rücken. Wie fühlen sie sich an? Schwer, leicht, kalt, warm, angenehm, unangenehm? Was passiert, wenn das Säckchen einige Zentimeter verschoben wird? Ändert sich die Wahrnehmung? Ich beginne meinen Körper zu spüren und nicht nur wenn etwas wehtut; ich fühle bewusst in mich hinein. Ein anderes Mal „zeichnet“ ein Mitpatient mit einem kleinen Ball Buchstaben auf meinen Rücken und ich muss ihn erraten. Macht Spaß, doch es gibt einen Patienten, der keinen einzigen Buchstaben nennen kann; er spürt sich und seinen Rücken nicht.

Ein Kommentar

  1. Pingback: "Teilzeit behindert" - Ein Journalist erzählt von seinem Burnout

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.