Vom Abfall zum Nährstoff – Wie die nächste industrielle Revolution unser Leben grundlegend verändern wird

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Eine Welt voller Nährstoffe

Viele Menschen trennen fleißig ihren Abfall und führen auf diese Weise Rohstoffe der Wiederverwertung zu. Allerdings macht der Hausmüll nur einen geringen Anteil an dem gesamten Aufkommen aus. Laut Braungart sind dies lediglich fünf Prozent. Zudem sind aufgrund von giftigen Inhaltsstoffen etliche Produkte allenfalls schwer oder gar nicht zu recyceln. Sitzbezüge in Flugzeugen können derart giftig sein, dass sie als Sondermüll entsorgt werden müssen. Während der Nutzungsdauer gefährden sie die Gesundheit der Passagiere. Aber auch andere Alltagsgegenstände werden derart produziert, dass sie weder wiederverwertet noch streng genommen für den Gebrauch geeignet sind: Teppiche und Fußböden verpesten durch das Ausdünsten von Chemikalien die Raumluft oder Kleidung ist so hoch mit Giftstoffen belastet, dass Hautkontakt Krankheiten auslöst.

„Ein Hauptgrund für das Versagen von Recycling-Systemen ist die Tatsache, dass die in diesen System recycelte Materialien ursprünglich nicht für das Recycling vorgesehen waren“, erklärt Braungart. „Viele Materialen verlieren bei der Wiederverwertung ihre technischen Fähigkeiten, ihre Intelligenz und können daher lediglich für minderwertige Zwecke eingesetzt werden. Die ehemals hochwertigen Materialien müssen dann wieder neu hergestellt werden.“ Vielfach findet ein so genanntes Downcycling statt, da häufig allenfalls minderwertiges Material gewonnen wird. Auf Glasflaschen finden sich Druckfarben aus Keramik, welches das recycelte Glas verunreinigt. Getränkedosen enthalten verschiedene Legierungen, die später vermischt werden. Das hochgiftige PVC kontaminiert die gewonnenen Kunststoffe und selbst das aus dem Naturmaterial Holz hergestellte Papier ist durch Chemikalien und Druckfarben regelrecht verseucht.

Braungart zäumt das Pferd von vorne auf: Gleich zu Beginn muss das Richtige getan werden. Bislang werden seiner Ansicht nach bei der „Ökoeffizienz“ die falschen Dinger perfekt gemacht und damit perfekt falsch. Die Menschen feierten beispielsweise Autoreifen, mit höherer Lebensdauer als ökologischen Fortschritt, obwohl sie immer noch bis zu 600 verschiedene Chemikalien enthalten. „Davon dürfen 500 niemals in die Umwelt gelangen.“ Der ehemalige Greenpeace-Aktivist Braungart legt nach: „Unter Umweltschutz versteht man in Deutschland, dass man weniger zerstört. Ganz nach dem Motto: Schütze die Umwelt und produziere weniger Müll. In der gleichen Logik gesprochen könnte man sagen, schütze dein Kind, schlage es statt fünf Mal nur drei Mal.“

Bereits 1987 gründete Braungart in Hamburg das internationale Forschungs- und Beratungsinstitut EPEA (Environmental Protection Encouragement Agency). Sein Konzept nennt er Cradle to Cradle, auf deutsch: von der Wiege zur Wiege. Hierbei werden alle Produkte neu erfunden und so konzipiert, dass sie entweder Nährstoffe für biologische Kreisläufe (beispielsweise durch Verrotten) oder technische darstellen. Im ersten Schritt müssen dazu sämtliche Giftstoffe ersetzt werden. Wie eingangs beschrieben, werden etliche Produkte dadurch erst nutz- und wiederverwertbar. Die Menschen setzen ihre Intelligenz bereits zu Beginn ein und überlegen nicht wir bisher am Ende des Produktzyklus wohin mit dem ganzen Sondermüll.

Verbrauchsprodukte wie Waschmittel, Schuhsohlen, Bremsbeläge und dergleichen werden derart konzipiert, dass die Natur sie verwerten kann. Gebrauchsgüter wie Waschmaschinen oder Fernseher können problemlos in ihre Einzelteile zerlegt und die Materialien ohne Qualitätsverlust unendlich eingesetzt werden. Künftige Unternehmen werden somit zu Rohstoffbanken, die nicht wie bisher klassisch Produkte, sondern Dienstleistungen verkaufen. Im Falle der Waschmaschine etwa 5.000 mal Waschen. Ohne künstliche Sollbruchstellen könnten somit Innovationen Einzug erhalten. „Es gilt die optimalen Nutzungszeiträume zu finden“, sagt Braungart. Ein Computer, der dreißig Jahre hielte, würde vom technischen Fortschritt überholt werden. Man könne die Produkte auch wie bisher verkaufen und die Rückgabe attraktiv gestalten. Statt wie bisher die billigsten – und damit meist giftige – Materialien einzusetzen, liegt der Anreiz für Unternehmen darin, nur noch hochwertige Stoffe zu verwenden. Bei deren Herstellung fallen keine giftige Altlasten an und auch die Produktion an sich wäre in einigen Fällen günstiger: Im Idealfall benötigt man weniger oder keinen teuren Arbeitsschutz mehr und Menschen blieben länger gesund. Braungart sieht sein System in regionalen Kreisläufen und den Einsatz von 100 Prozent regenerativer Energie.

Bereits seit Jahren entstehen in enger Zusammenarbeit mit der Industrie Cradle to Cradle-Produkte: Essbare Bezugsstoffe für Möbel erblickten als erstes Produkt 1991 die Welt. Es folgten in der langen Liste unter anderem 2002 der Bürostuhl Think vom Steelcase aus den USA, welcher vollständig im technischen Kreislauf wiederverwertet werden kann. Ein Beispiel für den biologischen Kreislauf bietet der deutsche Textilhersteller Trigema, der 2006 das kompostierbare T-Shirt präsentierte. 3) Neben klassischen Ökounternehmen, wie Weleda oder Ecover, arbeitet Braungart bewusst auch mit Großkonzernen wie BASF, Philips oder Nike zusammen. Cradle to Cradle soll kein Nischenkonzept sein. Möchte der Mensch auch in Zukunft gesunde Lebensräume vorfinden, so müssen so schnell wie möglich die entsprechenden Weichen gestellt werden.

Noch sind Cradle to Cradle-Produkte vielerorts unbekannt, denn neben den Schwierigkeiten sie komplett neu zu erfinden, gibt es auch Probleme beim Bewerben der Ware. Es würden schlafende Hunde geweckt, denn im Falle von Textilien kämen die Unternehmen in Erklärungsnot, warum sie seit Jahrzehnten hochgiftige Produkte verkaufen. Die Cradle to Cradle-Revolution ist daher hierzulande noch eine leise. Zudem hat sie in der Abfallindustrie einen mächtigen Gegner, denn diese fürchtet um ihr lukratives Geschäft.

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Kategorie: die Freigeber Story

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