Sicher ist nur das Risiko

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Jens Brehl: Wie sieht es mit dem Transport der Ionisationsmelder aus?

Markus Müller: Kollegen und ich sind in der Vergangenheit dazu genötigt worden unerlaubt hohe Mengen an Ionisationsmelder im Firmenwagen zu transportieren. Die zulässige Strahlendosis wurde überschritten und vorgeschriebene Schutzausrüstung, wie CO²-Feuerlöscher, fehlte vollständig. Werden die Vorgesetzten darauf angesprochen, reagieren diese mit einem Lächeln und beschwichtigen die Kollegen. Es sei alles in Ordnung. Doch bei einem Unfall sind die Mitarbeiter haftbar. Kommt es zu einem Brand bei einem Verkehrsunfall oder aber im Materiallager, so wird die Strahlung vollständig freigesetzt. Da Einsatzkräfte nichts von der Radioaktivität ahnen, sind die entsprechend ungeschützt. Dennoch ändert sich nichts an der Vorgehensweise.

Jens Brehl: Wenn ein Sicherheitstechnik-Unternehmen mit radioaktiven Stoffen umgeht, ist ein Strahlenschutzbeauftragter Vorschrift. Was sagt denn der Verantwortliche in ihrem Unternehmen zu der fahrlässigen Handhabung?

Markus Müller: Ein Strahlenschutzbeauftragter ist unter anderem dafür verantwortlich die Mitarbeiter im Umgang mit radioaktiven Stoffen zu schulen und zwar bevor sie damit in Kontakt kommen. Mein Arbeitgeber stellt in diesem Bereich keinen Verantwortlichen. Dies erfuhr ich, als ich mich im Rahmen eines Transports von Ionisationsmeldern bezüglich der maximalen Menge und der nötigen Schutzausrüstung erkundigte. Mein direkter Vorgesetzter legte mir nahe,  nicht weiter nach einem Strahlenschutzbeauftragten zu fragen.

Jens Brehl: Wie erkannten Sie die Verstöße, wenn Sie nicht in dem Umgang mit Ionisationsrauchmeldern unterrichtet wurden?

Markus Müller: Ich begann mich bei den diversen Herstellern zu erkundigen, die gut verständliches Informationsmaterial bereitstellen. Dies wäre im Normalfall die Aufgabe meines Vorgesetzten, beziehungsweise des Strahlenschutzbeauftragten gewesen. Nicht jeder der mir bekannten Sicherheitstechniker macht sich diese Mühe.

Das große Schweigen

Jens Brehl: Sie sind sicher nicht der Einzige, der die Missstände bei ihrem Arbeitgeber bemerkt. Wie verhalten sich ihre Kollegen?

Markus Müller: Natürlich bin ich nicht der Einzige und vielen meiner Kollegen sind die Missstände durchaus bewusst. Dennoch mag kaum einer seinen Arbeitsplatz oder seine Lehrstelle gefährden. Vor allem dann nicht, wenn sie eine Familie mit ihrem Einkommen versorgen. Sie wenden ihre Augen ab und ignorieren die teils katastrophalen Zustände. Das hat jedoch seinen Preis, denn die betroffenen Kollegen stumpfen mehr und mehr ab. Anders kann ich mir nicht erklären, dass (erwähnte) Lageristen sich täglich einer unbekannten Dosis radioaktiver Strahlung aussetzen und Servicetechniker pfuschen.

Jens Brehl: Warum brechen Sie heute das Schweigen?

Markus Müller: Mich ängstigt das Abstumpfen in der Branche und das Sinken der Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen. Sicherheitstechnik ist kein Spiel, es geht immer um Menschenleben. Die Missstände kann ich nicht länger mit meinem Gewissen vereinbaren. Es ist mein Wunsch wieder die eigentliche Aufgabe Menschen und Gebäude vor Schaden zu bewahren ins Bewusstsein zu rufen. Es würde mich freuen, wenn Sachverständige, zuständige Behörden, Kunden, Haustechniker und Verantwortliche bei der Feuerwehr prüfen, ob die Sicherheitstechnik in ihrem Umfeld beziehungsweise Zuständigkeitsbereich ordnungsgemäß funktioniert und kritische Fragen stellen. Blindes Vertrauen und Verleugnen müssen ein Ende haben.

Jens Brehl: Woran erkennt ein Kunde unabhängig davon, ob es sich dabei um eine Privatperson, Unternehmer oder Behörde handelt, ein seriöses und zuverlässiges Sicherheitstechnikunternehmen?

Markus Müller: (lacht bitter) Für den Auftraggeber ist es nahezu unmöglich zu erkennen, ob das beauftragte Unternehmen fachgerecht arbeitet. In der Praxis gibt der Kunde einen entsprechenden Vertrauensvorschuss. Erst im Ernstfall zeigt sich, ob die Sicherheitsmaßnahmen gegriffen haben und Brände frühzeitig erkannt wurden. So gut wie in keinem Fall kann die ordnungsgemäße Funktion durchgehend gewährleistet werden.

Jens Brehl: Vielen Dank für das offene Gespräch und hoffen wir das Beste.

Dieser Beitrag erschien erstmalig im Magazin raum & zeit Ausgabe 171 / 2011. Sie können die Original-Veröffentlichung direkt beim Verlag als PDF erwerben. Nach wie vor halte ich persönlich das Thema für aktuell. Daher entschloss ich mich dazu, das Interview mit Markus Müller auch in meinem Blog zu veröffentlichen. Sicherlich gibt es Unternehmen, die vorbildlich arbeiten. Müllers persönliche Erfahrungen sprechen jedoch für sich. Bleibt die alte Weisheit in diesem Falle: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

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