Sicher ist nur das Risiko

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Jens Brehl: Haben Sie mit eigenen Augen Missstände gesehen?

Markus Müller: Die begegnen mir regelmäßig. Auch wenn es denn Anschein erweckt, ich spräche von Einzelfällen, so muss ich Sie enttäuschen. Seitdem ich in der Branche tätig bin, habe ich es mehrmals im Monat mit groben Verstößen, fahrlässigen Verhalten, Sicherheitsmängeln und menschlichem Versagen zu tun. Bei meinen vorherigen Arbeitgebern bot sich mir das gleiche Bild. Und ich bin nur ein Techniker von Tausenden. Wir hatten bisher sehr viel Glück…

Jens Brehl: Welchen Missständen begegnen Sie konkret?

Einmal im Quartal wird eine Brandmeldeanlage gewartet. In dem Atemzug werden die Rauchmelder ausgelöst, um deren Funktion zu überprüfen. Allerdings findet die Kontrolle durch massiven Zeitdruck der Servicetechniker oft lediglich per Software statt; die Anlage simuliert die Feueralarme. Im internen Ereignisspeicher ist dieser Test dann vermerkt und der Rauchmelder damit offiziell geprüft. Jedoch kann die eigentliche Auslösefunktion des Melders nicht gewährleistet werden. Zudem stoßen wir bei Wartungsarbeiten immer wieder auf Rauchmelder, die seit Jahren (!) zwar vorhanden sind, aber noch nie betrieben wurden. Manche von ihnen tragen sogar noch die Staubschutzhüllen. Diese schützen das empfindliche Innenleben der Melder so lange Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen sind. Würde es in diesen Bereichen zu einem Brand kommen, könnten die Rauchmelder ihn nicht erkennen und das Feuer könnte sich unbemerkt ausbreiten.

In einem großen Hotel wurde ein kompletter Gebäudeteil mit etwa 300 Zimmern ohne funktionierenden Brandschutz genutzt. Die örtliche Feuerwehr war von Anfang an darüber informiert. Nach sieben Monaten haben die Verantwortlichen des Hotels reagiert und Druck auf meinen Arbeitgeber ausgeübt. Kurz darauf war die entsprechende Brandmeldeanlage in Betrieb. Eine verbale Ohrfeige für die Betroffenen kam anschließend vom zuständigen Feuerwehrhauptmann. Bei einer weiteren Woche ohne funktionstüchtige Anlage hätte er das Gesamtgebäude schließen lassen: Nach sieben Monaten! Bei einem persönlichen Gespräch mit dem erwähnten Feuerwehrhauptmann hat er einen durchaus seriösen Eindruck auf mich gemacht. Daher kann ich seine Vorgehensweise nicht nachvollziehen. Er hätte umgehend reagieren müssen.

Als ich in einem anderen großen Hotel tätig war, merkte ich, dass die komplette Brandschutzanlage seit einer Woche ausgeschaltet war. Wäre ein Feuer ausgebrochen, hätte es keinen örtlichen Alarm gegeben, geschweige denn, dass ein automatischer Notruf bei der Feuerwehr eingegangen wäre. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass der Haustechniker die Anlage nicht bedienen könne. Die Geschäftsleitung des Hotels wurde nicht informiert und auch mein Vorgesetzter schwieg. Man hätte die Mitarbeiter dringend nachschulen müssen und ich kann nur hoffen, dass in diesem Augenblick die betreffende Anlage eingeschaltet ist. Ein anderes Mal habe ich den Mitarbeiter einer Fremdfirma beobachtet, der einen Haustechniker die Funktionen der Brandmeldeanlage eingewiesen hat. Ich merkte, dass der Haustechniker vieles nicht verstand, aber dennoch ein entsprechendes Formular unterschrieb. Als ich den Techniker darauf ansprach, zuckte dieser nur mit den Schultern.

Ein weiteres Beispiel: Ich inspizierte eine vor einem halben Jahr eröffnete Schule mit einer Kapazität von 4500 Schülern. In mehreren Technikräumen waren zwar Sockel montiert, die eigentlichen Rauchmelder hatte man schlicht und einfach vergessen. Ich könnte die Liste endlos fortsetzen. An dieser Stelle möchte ich aber über eine weitgehend unbekannte Gefahr durch Ionisationsrauchmelder sprechen, die radioaktive Stoffe enthalten.

Radioaktivität in der Sicherheitstechnik und deren Folgen

Jens Brehl: Worin genau besteht das Risiko und wen betrifft es?

Markus Müller: Im Grunde kann jeder gefährdet sein, sogar die Sicherheitstechniker selber. Mittels Alpha- und Betastrahlung wird ein Teil des Luftvolumens durch die Rauchmelder bestrahlt, wobei die Leitfähigkeit der Luft gemessen wird. Bei älteren Geräten tritt eine höhere Gammastrahlung auf, die Materie durchdringen kann. Moderne Ionisationsmelder weisen eine geringere Strahlung auf, weswegen Altgeräte gegen moderne Geräte ausgetauscht werden. Es muss stets auf die Grenzwerte geachtet werden, daher dürfen je nach Gerätetyp nur eine bestimmte Menge an einem Ort gelagert und eingesetzt werden. Soweit die Theorie. In der Praxis werden Hunderte Ionisationsmelder unterschiedlichen Typen und Baujahren gelagert, ohne deren Zustand zu kontrollieren. In einem Fall waren es weit über Eintausend Stück, die teilweise der Witterung ausgesetzt waren. Durch Feuchtigkeit drohen die Melder zu korrodieren, was sich auf die Abschirmung der unerwünschten radioaktiven Strahlenanteile auswirken kann. Selbst wenn alle von ihnen unbeschädigt sind – was im Übrigen nie geprüft wurde – ist die zulässige Lagermenge bei weitem überschritten. Mitarbeiter sind ungeschützt über Monate oder gar Jahre der radioaktiven Strahlung ausgesetzt, wobei sich noch nicht einmal die Mühe gemacht wurde diese zu messen. Das Lager war zudem durch entzündliche Stoffe selber feuergefährdet – ein Irrwitz.

Bei Hotels habe ich mehrfach erlebt, dass Altgeräte beim Kunden an der Rezeption gelagert werden, denn dort befindet sich meist die Brandmeldeanlage. Ob Grenzwerte überschritten werden, bleibt ungeprüft. Angestellte und Gäste ahnen nichts von einer möglichen Gefahr für ihre Gesundheit. So sparen sich die Sicherheitstechnikunternehmen die Lagerung und später die Entsorgungskosten. Bei staatlichen Einrichtungen werden Altgeräte in jedem Fall entfernt.

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