Deutsche Gehörlosenzeitung: Leitmedium statt Nischenprodukt

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Jens Brehl: Wie hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte das Themenspektrum gewandelt?

Thomas Mitterhuber: Einst war die DGZ eine Verbandszeitschrift des Deutschen Gehörlosen-Bundes und hauptsächlich wurden Fremdtexte abgedruckt. Seit der Übernahme durch unsere heutige Herausgeberin Kerstin Reiner-Berthold und mit meiner Einstellung als Chefredakteur hat sie sich zu einem kritisch-unabhängigen Magazin gewandelt und wird nun mehr denn je als Leitmedium betrachtet.

Heute bieten wir neben den klassischen Themen wie Politik, Kultur und Gesellschaft auch Porträts, Interviews, Themen aus dem Leben sowie auch kontroverse Ansichten. Zudem blicken unsere Leser regelmäßig über ihren Tellerrand hinaus ins Ausland und es gibt das Thema des Monats.

Nicht nur die Themen haben sich gewandelt, sondern insbesondere auch die professionelle Aufbereitung. Aktualität, Recherche und journalistische Qualität sind die neuen Eckpfeiler der DGZ. Außerdem spielen die sozialen Medien auch bei uns eine große Rolle, denn durch sie können wir mit unseren Lesern in Interaktion treten. Dementsprechend hat sich unsere Leserschaft in den letzten Jahren verjüngt.

Jens Brehl: Was sind derzeit die dringendsten Themen?

Thomas Mitterhuber: Politisch sicherlich das Bundesteilhabegesetz. Da wurden die Erwartungen hochgeschraubt, aber so wie ich das sehe, wird die Fallhöhe der Enttäuschungen entsprechend hoch sein. Hinzu zähle ich noch die schulische Inklusion, bei gehörlosen Kindern ist das nämlich viel komplexer als bei Kindern mit anderen Behinderungen.

Jens Brehl: Es gibt auch Portraits von beruflich erfolgreichen hörgeschädigten oder gehörlosen Menschen. Wie vermeiden Sie Klischees à la trotz Behinderung ist er/sie erfolgreich und glücklich? Steht da nicht ständig das Defizit im Fokus?

Thomas Mitterhuber: Wir stellen regelmäßig erfolgreiche Persönlichkeiten vor, die dann als Rollenvorbilder dienen. Als Gehörloser ist mir sehr bewusst, dass das Defizit nicht in den Vordergrund gehört. Deshalb sind bei uns Formulierungen wie „trotz Behinderung“ natürlich per se ein No-Go. Wie man richtig über Menschen mit Behinderung schreibt, zeigt die Initiative „Leidmedien“.

Gehörlosigkeit wird übrigens von den meisten nicht als medizinisch-biologischer Mangel verstanden, sondern als Zugehörigkeit zu einer sprachkulturellen Minderheit. Als Teil ihrer stolzen Identität.

Jens Brehl: Vielen Dank für das Gespräch.

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