Deutsche Gehörlosenzeitung: Leitmedium statt Nischenprodukt

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Jens Brehl: Ist es nur ein Klischee, dass die Bildungsaussichten für Gehörlose schlechter sind? Wo können Hörgeschädigte beziehungsweise Gehörlose Journalistik studieren oder ein Volontariat absolvieren?

Thomas Mitterhuber: Leider ist das kein Klischee, sondern die Realität. Das liegt meiner Ansicht und Erfahrungen nach vor allem am Bildungssystem. Hier wird der deutschen Gebärdensprache immer noch einen zu geringen Stellenwert beigemessen. Wenn sich ein Erwachsener etwa an der Volkshochschule weiterbilden möchte, muss er die Dolmetscherkosten selbst tragen. Auch das ist Teil des Problems.

Die weltweit einzige Universität für Gehörlose ist in Washington D.C., USA. Möchte man in Deutschland studieren, muss man eine „normale“ Regel-Universität besuchen. Dabei stehen Gebärdensprach- und/oder Schriftdolmetscher zur Seite, deren Kosten in der Regel vom Staat übernommen werden. Auch bei mir war das der Fall, als ich mein Kommunikationswissenschafts-Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München absolvierte. Danach war ich fünf Jahre lang Online-Redakteur, bevor ich zur DGZ wechselte.

Bei einem Volontariat dürfte es dagegen viel schwieriger aussehen, wenn auch nicht unmöglich. Das liegt daran, dass in Redaktionen viel und kurzfristig kommuniziert wird und es je nach Ressort regelmäßig Außentermine gibt. Dadurch ist der Kommunikationsbedarf relativ hoch, die Dolmetscher werden jedoch nicht rund um die Uhr gestellt, weil das Integrationsamt die Kosten nur bis zu einem bestimmten Umfang übernimmt. Außerdem wird gehörlosen Bewerbern immer noch viel zu wenig zugetraut. Aber ich habe das Gefühl, das ändert sich allmählich zum Besseren hin, auch wenn ich mir ein höheres Tempo wünsche. Wo doch schon ständig Inklusion propagiert wird …

Jens Brehl: Warum braucht es eine spezielle Zeitung für Gehörlose beziehungsweise Hörgeschädigte?

Thomas Mitterhuber: Die Gehörlosen sind eine gut vernetzte Gemeinschaft, denn wir teilen eine Sprache, eine Kultur und eine Identität – oft auch über Landesgrenzen hinweg. Aufgrund dieses Zugehörigkeitsgefühls gibt es einen Durst nach Informationen, Austausch und Unterhaltung zu Themen, die uns betreffen. Um diesem Bedarf gerecht zu werden, bietet sich die DGZ an.

Von außen mag es wie ein Nischenprodukt aussehen, für Gehörlose ist die DGZ jedoch das zentrale Informationsmedium, neben der Fernsehsendung „Sehen statt Hören“ im Bayerischen Rundfunk. Nahezu alle unsere Artikel haben einen Bezug zu Gehörlosen beziehungsweise zur Gebärdensprache. Unter unseren Lesern finden sich übrigens auch etliche Hörende, zum Beispiel Angehörige, Dolmetscher, Lehrer oder Sozialarbeiter.

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