Wenn der Partner ausbrennt: „Am schmerzlichsten war es zurückgewiesen zu werden“

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Sich auf das eigene Selbst besinnen

Christoph war schon immer ein Macher und es fällt ihm schwer, Dinge aus der Hand zu geben. Susanne stellt ebenfalls hohe Ansprüche an sich. Sie möchte stets für alle da sein und alles perfekt machen. Doch beide haben sich über die Jahre zu viel aufgeladen. An den Werktagen sind sie von morgens bis abends im Betrieb, an den Wochenenden erledigen sie liegen gebliebene Büroarbeit, Christoph renoviert zusätzlich das Haus. Alleine dafür wird fast der gesamte Jahresurlaub genutzt. Heute bereut Susanne, dass die Beziehung zu wenig Raum hatte. Ihre Mutter weist sie darauf hin, nicht ganz unschuldig zu sein. Schließlich habe Susanne stets mitgemacht. Gegenseitig haben sich beide hochgeschaukelt: Immer höher, immer schneller, immer weiter. Im Grunde haben sie sich die beiden stets gut gespiegelt.

Interessanterweise erkennt Christoph im Frühjahr 2010 wie erschöpft seine Partnerin ist. Zum Geburtstag schenkt er ihr ein Wellness-Wochenende in einem Hotel. „Das brauchst du mal.“ Sie ist verwirrt, warum sie alleine fahren soll, doch gönnt sich kurz darauf die Auszeit. Christoph selber scheint nicht zu merken, dass er dabei ist auszubrennen. Knapp acht Monate später bricht er zusammen. Dieses Mal gibt es kein Miteinander mehr. Susanne leidet darunter sich ohnmächtig zu fühlen. Die verbalen Attacken ihres Partners reißen zusätzlich tiefe Wunden. In dieser Phase benötigt Susanne in etwa fünf Monate, um sich distanzieren zu können. Sie spürt die reale Gefahr in den dunklen Strudel ihres Partners zu geraten. Es ist ein gewaltiger Kraftaufwand Bereitschaft zu signalisieren und die eigene mentale wie körperliche Gesundheit zu schützen. Bei aller Liebe ist es an der Zeit auf sich selber zu achten und beiderseitige Abhängigkeiten zu vermeiden. Sie hofft, dass es ihm im Krankenhaus gelingt vieles aufzuarbeiten. Susanne gibt sich jedoch keinerlei Illusionen hin: Dieser Prozess wird länger als ein paar Wochen dauern. Sie wünscht sich, dass nicht alles in ihrer bisherigen Beziehung schlecht war und es einen weiteren gemeinsamen Weg gibt. Während die Beziehung in der Schwebe ist, besinnt sie sich auf die eigenen Stärken. Sie erkennt, wie unabhängig sie ist, findet neues Selbstvertrauen und kümmert sich um den eigenen Selbstkontakt.

Ausblicke

Nach sieben Wochen kehrt Christoph im Frühjahr 2011 aus der Klinik zurück. Zunächst schläft er fast den ganzen Tag, während sich Susanne fragt, ob er überhaupt noch Interesse an ihr hat. Im Betrieb arbeitet er nur einige Stunden in der Woche. Seine Aufgaben erledigt er meist fehlerfrei, dennoch mangelt es ihm an Selbstvertrauen in seine eigenen Fähigkeiten. Susanne ist sich sicher, dass es lediglich eine Frage der Zeit ist, bis er beruflich selbstsicherer auftritt. Privat ist ebenso Geduld an der Tagesordnung. „Manchmal denke ich, er könnte sich mehr einbringen. Während ich den an der Arbeit bin, erledigt er nur teilweise den Haushalt. Doch dann spüre ich, dass ich an manchen Tagen zuviel von ihm verlange.“ Sie muss die Balance finden, wie sie ihm das Gefühl vermittelt gebraucht zu werden, ohne ihn zu überfordern. Im Gegenzug hört sie ihn Sätze sagen wie „Komm mal runter, sonst ergeht es dir noch wie mir.“

Noch immer bewohnt er die Räume im Keller, doch er nähert sich zaghaft. Statt „ich“ und „du“ sagt er immer öfter „wir“. Sie spürt jedoch, dass ihm die emotionale Nähe noch schwer fällt. Was genau er im Krankenhaus erlebt hat und wie es in seinem Innern aussieht deutet er höchstens an. Doch immerhin: Die meisten Gespräch beginnt er. „Manchmal frage ich mich, ob ich lerne zu akzeptieren oder ob mir vieles bereits egal ist. Unzählige Male habe ich gehört, ich hätte mit seinem Leben nichts zu tun. Vielleicht habe ich ihm ab einem gewissen Punkt geglaubt“, meint Susanne nachdenklich. Sie sieht die Gefahr darin, dass sie sich weniger um die Partnerschaft bemüht, wenn sie vergebens auf positive Reaktionen wartet. Eine natürliche Verhaltensweise, wenn der Partner nichts mehr fühlen und nur noch eingeschränkt denken und handeln kann. Sie möchte akzeptieren, dass der Rückzug und die Aggression in einem emotionalen Ausnahmezustand seinen Ursprung haben.

Die beiden sind mitten in einem Selbstfindungsprozess, dessen Ausgang ungewiss ist. Noch ist für Susanne unklar, wie ihr Partner die Beziehung bewertet, welche Wünsche er hegt. Sie müssen zunächst beiderseitig wieder Vertrauen fassen und Zeit miteinander verbringen. Immerhin haben sich die beiden einen gemeinsamen Urlaub gegönnt. Trotzdem vermeidet Susanne jeden Druck, denn Gefühle lassen sich nicht erzwingen. Anderen Menschen, deren Lebenspartner depressiv oder ausgebrannt sind, möchte sie ans Herz legen, die eignen Bedürfnisse zu erkennen. Ansonsten gehen beide unter. Susanne und Christoph wagen zaghaft die ersten gemeinsamen Schritte. Eines ist jedoch klar: Keiner von ihnen kann und will mehr zurück in das, was einmal war.

Hinweis

Dieser Beitrag erschien erstmalig im Magazin raum & zeit Ausgabe 175 / 2012. Sie können die Original-Veröffentlichung auch direkt beim Verlag als PDF erwerben.

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