Wenn der Partner ausbrennt: „Am schmerzlichsten war es zurückgewiesen zu werden“

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Die Anfänge liegen im Nebel

Erst jetzt kehrt die Ruhe ein, die sich Susanne seit Wochen herbeisehnt. Das Minenfeld zu Hause ist bis auf Weiteres geräumt. Ihre Energiereserven sind nahezu aufgebraucht. Daher schläft sie zunächst viel. Auch die Magenschmerzen klingen ab und ein gesunder Appetit stellt sich wieder ein. Zu Christoph nimmt sie bewusst keinen Kontakt auf. Dafür ruft er sie mehrfach an. Ihre Gespräche sind sachlich und emotional stark abgeflacht. Er will wissen, ob sie an bestimmte Aufgaben im Betrieb denkt oder erzählt in groben Zügen welche Arten von Therapien er hat. Was ihn innerlich beschäftigt bleibt sein Geheimnis. Susanne hat sich abgewöhnt zu fragen.

Im Gegenzug hat sie die Zeit und den Raum die Situation für sich aufzuarbeiten. Sie fragt sich, ob es überhaupt noch eine gemeinsame Zukunft geben kann und wie alles soweit kommen konnte. Die Ursachen für Christophs Ausbrennen liegen für sie im Dunkeln. Sicher ist sich die junge Frau, dass sie Zeugin eines schleichenden Prozesses ist, deren Anfang vermutlich länger zurückliegt als sie ahnt. Zunächst ist ihr Partner in vielen Situationen lediglich körperlich anwesend, lenkt sich ab und verbringt zusehends mehr Zeit alleine. Daran ist sie bis zu einem gewissen Grad gewöhnt, denn Christoph ist seit jeher ein unruhiger Geist, der immer etwas zu erledigen findet. Wenn er nicht arbeitet, so renoviert er schrittweise das Haus. Viele Aufgaben löst er dabei alleine, da Susanne handwerklich weniger geschickt ist. Doch im Spätsommer 2010 legt Christoph ein für ihn ungewöhnliches Verhalten an den Tag. Er klagt über Magenschmerzen, fühlt sich nicht in der Lage zu arbeiten und bleibt schließlich seinem Betrieb fern. Das ist neu, denn bisher konnte ihn keine Krankheit vom Arbeiten abhalten. Er verbringt einen vollständigen Tag im Bett und am nächsten Morgen geht es ihm noch nicht besser. Beim Frühstück fällt er in eine Gedankenspirale und ist hin und her gerissen. Einerseits fühlt er sich unwohl, andererseits treibt ihn sein Pflichtgefühl an. Susanne wird das Spiel ab einem gewissen Punkt zu albern. „Egal wie, entscheide dich“, verlangt sie von ihrem Partner. „Wenn es dir nicht gut geht, musst du eben zu Hause bleiben.“ Christoph explodiert: „Du nimmst mich nicht ernst!“

Zuvor wundert sich Susanne bereits über die unausgeglichene Laune ihres Partners, die zum ständigen Begleiter ihres gemeinsamen Alltags geworden ist. Als die beiden im Oktober 2010 zu Gast auf einer Geburtstagsfeier sind, ist Christoph merklich unbeteiligt. Gesprächen geht er lieber aus dem Weg. Zu dieser Zeit ist ein guter Bekannter unerwartet verstorben, daher führt Susanne das merkwürdige Verhalten ihres Partners auf den Trauerfall zurück. Noch ahnt sie nichts von Christophs Burnout und seinen Depressionen. Er hat indes einen Punkt in seinem Leben erreicht, an dem es scheinbar nicht mehr weitergeht. Doch er zieht es vor zu schweigen. Die Gründe dafür kennt nur er.

Seine Arbeit überfordert ihn zusehends. Er ist nicht mehr in der Lage Telefonate zu führen, geschweige denn sich zu konzentrieren. Beständig plagen ihn Magenschmerzen und seine Hände zittern sichtlich. Dennoch versucht er durchzuhalten und wenigstens ein paar Tage in der Woche im Betrieb zu sein. Susanne und die Mitarbeiter versuchen ihm klar zu machen, dass seine Vorgehensweise keinen Sinn ergibt. So hart es klingt, er stört den gesamten Ablauf. Routinearbeiten sind für ihn unbezwingbare Hürden geworden. Susanne findet keinen Zugang zu ihrem Partner, der sich über seinen inneren Zustand ausschweigt und jedem klärenden Gespräch aus dem Weg geht. „Ich wusste, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Nachdem wir viele Jahre Seite an Seite gegangen sind, hat es mich sehr verletzt dermaßen abgelehnt und ausgeschlossen zu werden.“ Christoph flüchtet nicht nur emotional, sondern bezieht alleine Räume im Keller des gemeinsamen Hauses. Susanne vermutet, ihr Partner könnte ausgebrannt und depressiv sein. Auf ihre Bitte hin sucht er einen Arzt auf. Für den Mediziner ist die Sachlage sofort eindeutig. Er bestätigt Susannes Vermutung. Für die junge Frau bricht eine Welt zusammen, denn mit einem Mal sind ihre bisherigen Lebenspläne infrage gestellt. Doch zunächst muss es irgendwie weitergehen. Susanne muss das Heft in die Hand nehmen. Sie informiert die Mitarbeiter zunächst lediglich darüber, dass Christoph krank ist und wohl für längere Zeit ausfällt. Bald bekommt sie von ihm jedoch die Freigabe offen mit seinem Zustand umzugehen. So teilt sie den Angestellten ergänzend mit, dass er an einem Burnout erkrankt ist. Das Wort „Depressionen“ fällt in diesem Zusammenhang nicht.

Susannes beste Freundin hat jederzeit ein offenes Ohr für sie und auch ihre Eltern stehen der Tochter soweit es ihnen möglich ist bei. Außenstehende können zwar Verständnis aufbringen und Ratschläge erteilen, doch passend ist das nicht immer. Christoph ließ verlauten, dass kein Gesunder Mensch verstehen kann, was ein Kranker durchlebt. Ebenso verhält es sich mit Susannes Gefühlswelt. Im Internet liest sie Geschichten von anderen Betroffenen und deren Familien. Sie erkennt durchaus Gemeinsamkeiten, doch trösten kann sie das kaum. Sie nimmt keinen Kontakt mit anderen Betroffenen auf, sondern versucht für sich alleine Klarheit zu schaffen.

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Kategorie: die Freigeber Story

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