„Wir sind keine Sprachpolizei“

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Michael Z. aus Berlin: „Ein Rollstuhl ist keine Einschränkung, sondern ein Fortbewegungsmittel. Sollten Sie tatsächlich jemanden treffen, der an den Rollstuhl gefesselt ist, binden Sie ihn los!“

Die echten Dramen

Medien möchten Emotionen transportieren, doch die oft künstlichen Dramen und Heldengeschichten haben den Beigeschmack, lediglich für verkaufte Auflage und Einschaltquoten zu sorgen. Der maßgebliche Ton ist das große Staunen, dass auch Menschen mit Behinderung erfolgreich im Beruf und glücklich sein können oder das große Leid, welches sie tapfer ertragen müssen.

Viel zu oft konzentrieren sich Journalisten auf Defizite. „Sie gehen dabei fälschlicherweise davon aus, dass die jeweilige Einschränkung selber das Drama wäre“, erklärt Masuhr. „Diese Form der Berichterstattung ist aber mitunter nicht im Sinne der Betroffenen. Die eigentlichen Dramen sind, dass sie keinen vollen Zugang zum gesellschaftlichen Leben haben. Beispielsweise wenn Rollstuhlfahrer bestimmte Veranstaltungen nicht besuchen können.“ Vielfach sind Betroffene demnach nicht behindert, sondern sie werden es.

Auch hätten es viele Autisten schwer eine adäquate Arbeitsstelle zu finden, weil sie oft Schwierigkeiten bei den Vorstellungsgesprächen haben. „Kaum jemand schaut, wo deren individuellen Stärken liegen.“ Zudem haben viele behinderte Menschen, die auf eine Assistenz angewiesen sind, kein Recht zu sparen. Das Guthaben auf dem Bankkonto darf 2.600 Euro nicht übersteigen. Eine höheres Einkommen anzustreben oder ein Erbe anzunehmen ergibt für sie keinen Sinn. Auch Rücklagen für größere Anschaffungen, Reparaturen oder Notfälle sind tabu. Selbst der Bund für das Leben will gut überlegt sein, denn auch der Ehepartner ist zur künstlichen Armut verpflichtet. Es gibt demnach etliche unerzählte Geschichten und echte Dramen.

Vorbehalte abbauen

Unsere Welt ist größtenteils für Menschen ohne Behinderungen konzipiert und oft gibt es kaum oder gar keine Berührungspunkte. „Wir besuchen unterschiedliche Kindergärten, andere Schulen, bewegen uns meist in einem anderen Arbeitsumfeld und Freundeskreis“, sagt Masuhr. Demnach sei es kein Wunder, wenn es seitens von Journalisten Berührungsängste gibt. Vielleicht greifen sie aus Verlegenheit zu Floskeln, anstatt den Menschen offen zu fragen, wie er denn dargestellt werden möchte, was seine wahren Bedürfnisse sind. Sieht sich derjenige überhaupt als leidendes Opfer oder Held des Alltags? Muss ich die Behinderung überhaupt erwähnen, trägt sie etwas zum Nachrichtenwert bei? „Wer sich unsicher ist, wie er die Einschränkung beschreiben soll, kann dies offen fragen“, meint Masuhr.

Zu schnell stecken wir Menschen in Schubladen und reden dann beispielsweise von „den Rollstuhlfahrern“. Sich auf jeden Menschen neu einzulassen, ist mitunter eine Kunst, sollte aber zumindest für einen Journalisten zum Handwerk gehören.

Es kann auch sein, dass wir unterbewusst Barrieren aufbauen und demnach Menschen mit Behinderung von uns wegschieben. So gibt es Medienberichte über Autisten, die in ihrer eigenen Welt leben würden. Doch in Wahrheit teilen wir uns alle die gleiche Welt, nur jeder Mensch – ob mit oder ohne Behinderung – nimmt sie anders wahr.

Fakt ist auch, dass nahezu jeder mindestens einmal im Leben behindert ist, wenn er sich beispielsweise einen Arm gebrochen hat oder psychisch erkrankt – ob dauerhaft oder temporär. Wäre es demnach nicht spannender, das Thema in die Mitte der Gesellschaft zu rücken, anstatt auf die Tränendrüse zu drücken oder auf Sensationsjagd zu gehen?

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