taz: In drei Jahren kein Geld mehr für die gedruckte Ausgabe

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Bei den meisten Tagezeitungen sinken seit Jahren die Auflagen, so auch bei der taz. Entgegen dem Trend schrumpft dort jedoch sogar die digitale Reichweite. Für den Verlag ist es demnach höchste Zeit, zu agieren, möchte man nicht durch schwächer werdende Relevanz in Bedeutungslosigkeit versinken. „Bis heute fehlt im Haus eine grundlegende Analyse, woher der Einbruch bei taz.de kommt, sowohl technisch als auch inhaltlich“, heißt es im veröffentlichten Innovationsreport. Doch er zeigt noch weitere Baustellen auf.

Es ist eine Krux: „taz“ ist die Abkürzung für „tageszeitung“, allerdings beinhaltet die Marke schon längst mehr. Mit der gedruckten Ausgabe verdient der Verlag zwar noch das Gros, aber die Erlöse gehen sichtlich zurück. Die Einnahmen durch Werbung auf der Internetseite und freiwilliges Bezahlen der Leser können die Verluste bei weitem nicht auffangen.

Daher haben Verantwortliche über Wochen Ursachen im eigenen Haus recherchiert und dabei etliche verlegerische Schwachstellen aufgedeckt. In der Branche absolut unüblich, ist der daraus entstandene Innovationsreport im Internet frei zugänglich.

„Dieser Report ist öffentlich, weil wir unseren Leser*innen gehören. Wir sind nicht irgendwelchen Konzerninteressen oder einzelnen Verleger*innen im Hintergrund verpflichtet, sondern den vielen Eigentümer*innen, also unseren mehr als 17.500 Genoss*innen und unseren Leser*innen, von denen mittlerweile fast 11.500 freiwillig für unseren Journalismus im Netz bezahlen“, steht dort geschrieben.

Nicht genügend Geld für guten Journalismus

Die wohl für die Beteiligten besonders eindringliche Erkenntnis ist, dass der taz auf lange Sicht das Geld für eine täglich gedruckte Zeitung ausgeht. „(…)nach allem, was man prognostizieren kann, werden wir mit der gedruckten Zeitung in drei Jahren nicht mehr genügend Geld verdienen, um den Journalismus zu finanzieren, den wir machen wollen, den wir machen müssen.“

Manch einer mag mit den Schultern zucken: Erscheinen die Beiträge halt online. Doch bislang ist die gedruckte Ausgabe das Zugpferd für Einnahmen. Selbst die „links-grün versiffte“ taz muss mehr Kapitalismus wagen.

„Doch unsere Stärke ist gleichzeitig unsere Schwäche. Wir verlassen uns zu sehr auf die Idealist*innen: Immer weniger Printabonnent*innen tragen die Kosten für die werktägliche Zeitung und schlucken immer höhere Abokosten. Sie steuerten 2016 satte 15,58 Millionen Euro zu unseren Erlösen bei – das macht 57 Prozent. Es gibt das Argument, die Einstellung der Werktagsausgabe würde ja auch Kosten sparen, etwa für Druck, Vertrieb und Zustellung, aber insgesamt wären das momentan nur 6,33 Millionen Euro.

Zudem wird deutlich, dass es in den letzten Jahren keine durchgehende Strategie für die Digitalisierung gab. Erst seit September 2017 gibt es überhaupt eine mobile Internetseite – von Optimierungen für Suchmaschinen kann ebenfalls keine große Rede sein. Selbstkritisch merken die Autoren des Reports an, vielfach geschlafen zu haben.

Thematische Relevanz (zurück)gewinnen

Doch die taz gibt sich gewohnt kämpferisch, schließlich hat sie auch Dank der Genossenschaft im Rücken schon so manche Krise durchgestanden. Doch aussitzen ist keine Lösung.

Vielmehr soll die taz unter anderem durch ihre ureigensten Themen wieder eine höhere Relevanz bekommen. Stichwort soziale Gerechtigkeit. „Es gibt nicht viele nachrichtliche Ereignisse, an denen sich hier Berichterstattung aufhängen lässt. Geschichten verharren in der Opferperspektive und wiederholen sich, leider. Das macht es für Journalist*innen schwierig, sie immer wieder neu zu erzählen. Die ‚Täter*innen‘-Seite ist unsichtbar oder schwer zu fassen, Systemfragen heißt es, sind nicht leicht anschaulich umsetzbar. Für eine Tageszeitung gilt nicht zuletzt ein aktueller Aufhänger als Kriterium für ein Thema. Doch Armut ist eben oft ein leiser, latenter Zustand.“

Die taz hat in den letzten Jahren sicherlich etliche strategische Fehler begangen. Nun muss sich zeigen, inwieweit Verlagsführung und Redaktion das Ruder noch herumreißen können.

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