Städte im Wandel

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Übergang in eine postfossile Gesellschaft

Gerd Wessling kam am Schumacher College, einer Art grünem Think-Tank im Süden Englands, mit der Transition-Bewegung in Kontakt. „Man wurde mit dem Thema förmlich umspült, was aber kaum verwunderlich ist. Schließlich liegt die weltweit erste Transition Town Totnes ganz in der Nähe und Rob Hopkins hält am College auch regelmäßig Vorträge.“ Zusammen mit Studenten entwickelte dieser 2005 einen Energiewende-Aktionsplan und initiierte ein Jahr später in Totnes die erste „Transition Town“, zu deutsch: die erste Stadt im Wandel. Die Bürger nahmen den Übergang in eine postfossile Gesellschaft mit Erfolg selber in die Hand. Bausteine sind eine starke lokale und nachhaltig orientierte Wirtschaft, dezentrale und regenerative Energiestrukturen, der ökologische Anbau von Lebensmitteln, eine eigene Regiowährung und vor allem eine am Gemeinwohl orientierte Gesellschaft. Seit 2008 ist Rob Hopkins Buch „Energiewende – Das Handbuch: Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen“ auch auf Deutsch erschienen.

Wessling traf auf erfrischend undogmatisch engagierte Menschen, die mit Freude Probleme lösten. Schnell war sein Entschluss gefasst, die Idee im deutschsprachigen Raum mit zu fördern. 2009 war er Mitbegründer der Transition Town Bielefeld, der nach Friedrichshain-Kreuzberg und Witzenhausen dritten „offiziellen“ Initiative in Deutschland. Parallel dazu organisierte er die ersten Kurse auf Deutsch. „Derzeit gibt es im deutschsprachigen Raum etwa 70 bis 80 Initiativen in unterschiedlichen Reifegraden: Von der Einzelperson, die in ihrer Region starten möchte bis hin zu bereits großen und erfolgreich aktiven Gruppen ist alles vertreten.“ Neue Initiativen müssen sich aktiv melden 3), ansonsten erfährt Wessling nichts von deren Existenz. Das deutschsprachige Netzwerk für Deutschland, Österreich und Schweiz befindet sich noch im Aufbau einer rechtlichen Struktur und hat keine zentrale Verwaltung, die alles erfasst oder gar konkrete Anweisungen oder Zielvorgaben setzt. Die Bewegung vertraut darauf, dass die Menschen vor Ort – inspiriert vom Transition-Modell – gemeinsam zu den richtigen Lösungen kommen. Die globalen Herausforderungen sind zwar für alle Menschen nahezu die gleichen, doch die Alternativen müssen sich an die Bedürfnisse und regionalen Begebenheiten anpassen. „Die Aufgabe des Transition-Netzwerks ist es, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich Menschen begegnen und voneinander lernen können. Es gibt keine fertigen Lösungen und keine Garantie auf Erfolg“, betont Wessling.

Gemeinsam Brücken bauen

Weltweit existiert eine Vielzahl Ökodörfer und Gemeinschaften, in denen wertvolles praktisches und soziales Wissen generiert wird. Das Spektrum reicht von vergessenen handwerklichen Fähigkeiten, ökologischem Gärtnern, natürlichem Bauen bis hin zu kommunikativen Fähigkeiten, die wichtig sind, um in einer Gruppe erfolgreich wirken und Konflikte bewältigen zu können. Die Transition-Bewegung ist ein Kanal für dieses Wissen, um es in Städte und Gemeinden zu tragen. Neben rein ökologischen Aspekten spielt die Kultur des Teilens, der Selbstermächtigung und des Gemeinwohls eine tragende Rolle. Die Bewegung ist offen für alle. „Bestenfalls gelingt es einer Initiative Menschen anzusprechen, die sich selber noch gar nicht als ‚grün’ empfinden und dabei eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle willkommen fühlen“, erklärt Wessling. „Viele werden von ihrem inneren Kritiker davon abgehalten, sich stärker zu engagieren.“ Besonders „grüne Neulinge“ gingen mitunter hart mit sich ins Gericht. Sie hielten sich beispielsweise nicht für ökologisch genug und möchten daher noch nicht zu erkennen geben, sich für nachhaltige Themen zu interessieren. Weil sie vielleicht zwei Autos besitzen, hin und wieder beim Discounter einkaufen und regelmäßig in den Urlaub fliegen, fürchten sie Schelte und dogmatische Denkmuster seitens der „ökologisch Fortgeschrittenen“. „Bewusst oder unbewusst strahlen noch viele sozial-ökologische Initiativen und gemeinnützige Vereine dies leider auch aus – was tragisch für beide Seiten ist.“ Dabei ist es das ausdrückliche Ziel in der Breite neue Menschen zu begeistern und motivieren, schließlich profitieren wir alle von einer kulturellen und ökologischen Wende. So platt es klingen mag: Nur gemeinsam sind wir stark. Grabenkämpfe, Ellebogenmentalität, Besserwissertum und Konkurrenzdenken sind schon lange nicht mehr aktuell. Nur in einer entspannten Atmosphäre bringen wir den Mut auf, Wünsche zu äußern, von Träumen zu berichten und persönliche Visionen mit anderen zu teilen.

Zudem geht es um den Prozess des Wandels, der sich auch im Inneren der Menschen abspielt und sich in den Handlungen im Außen widerspiegelt. Sobald die Freude daran verloren geht, sind die Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Hirn, Herz und Hand müssen sich in Balance befinden: Nicht nur grübeln, sondern auch tun, nicht nur sein Umfeld betrachten, sondern auch seine eigene Innenschau betreiben. Jeder mag sich in seinem persönlichen Tempo weiter entwickeln und niemand ist perfekt. „Wir sollten uns mehr für unsere persönlichen Fortschritte feiern und würdigen, was wir bereits geleistet haben, als uns für Fehler zu geißeln oder was man noch mehr hätte tun können. Dieser Aspekt kommt in unserer westlichen Kultur leider häufig zu kurz.“

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Kategorie: die Freigeber Story

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  1. Das offene Transition D/A/CH Netzwerk- und Aktiven-Treffen findet dieses Jahr vom 27.-29.09.2013 in der Gemeinschaft Schloß Tempelhof (Nähe Crailsheim) statt:

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