Spiritualität in der Politik: „Echte politische Veränderungen kann es nur durch kleine Parteien geben“

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Das Gleiche in violett

Jens Brehl: Was waren Ihre Beweggründe 2008 von der CDU zu den Violetten zu wechseln?

Martin Exner: Damals fühlte ich mich in der CDU zunehmend unwohl, da die christlichen Werte wie Nächstenliebe und das Miteinander zwar mitunter in die Politik mit einflossen, aber nicht durchgehend gelebt wurden. Je höher die Positionen innerhalb der Partei waren, umso mehr Machtkämpfe wurden ausgetragen. Mein persönliches spirituelles Interesse war gerade wieder in meinem Alltag präsenter geworden und so war ich offen für die Violetten, da die Partei eine spirituelle Politik betreiben möchte. Auch wenn ich erst 2008 Mitglied wurde, brachte ich mich bereits vorher aktiv ein. Das bedingungslose Grundeinkommen ist fest im Parteiprogramm verankert, doch es gab anfangs noch kein konkretes Konzept. Das konnte ich liefern, da ich eines im Rahmen meines Buchs „Ausgeklinkt – Volksvertreter ohne Volk“ entwickelt hatte. Das Exner-Modell wurde einstimmig angenommen und ist meines Wissens auch heute noch Teil des Parteiprogramms. Von Juni bis Dezember 2012 war ich Landesvorsitzender in Hessen.

Jens Brehl: Das klingt nach einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Warum sind Sie dennoch Ende 2012 bei den Violetten ausgetreten?

Martin Exner: In der Präambel sind die Werte Liebe, Mitgefühl, das Miteinander und dergleichen zwar fest verankert, doch sie wurden in der Praxis von einigen Mitgliedern kaum gelebt. Das erinnerte mich an meine Erfahrungen bei der CDU, der die christlichen Werte in manchen Situationen abhanden kommen. Doch die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis ist nach meinem Empfinden durch den hohen Anspruch bei den Violetten noch größer. Meines Erachtens liegt dies wohl auch daran, dass spirituelle Menschen oft sehr stark mit ihrer inneren Entwicklung beschäftigt sind, deshalb ihren Schwerpunkt auf die eigene Anbindung an das Göttliche legen und dadurch die Verbindung zu anderen Menschen aus dem Blick gerät.

Ein wesentlicher Teil der Spiritualität ist für mich, dass ich auch auf meine Mitmenschen achte, sie so akzeptiere, wie sie sind – ohne zu verurteilen. Das bedeutet letztlich die liebevolle Integration anderer in mein Leben. Dazu war ein Teil der spirituellen Mitglieder bei den Violetten genauso wenig in der Lage, wie Mitglieder anderer Parteien hinsichtlich ihrer Ideale. Die Angst vor Machtverlust führt in der Führungsebene zu ähnlichen Mechanismen, wie in anderen Organisationen. Als ich den Posten des Landesvorsitzenden einnahm, fing das Konkurrenzdenken mir gegenüber an und der Umgangston wurde rauer. Spaltend wirken zudem die zwei spirituellen Lager innerhalb der Partei. Einerseits die „Erdangebundenen“ und andererseits diejenigen, die sich bereits als „erleuchtet“ betrachten und über allen irdischen Belangen schweben. Wir kennen dieses trennende Phänomen auch von den Grünen zwischen „Fundis“ und „Realos“.

Wie in anderen Parteien oder Vereinen geht es einigen aktiven Mitgliedern um externe Anerkennung, das eigene Ego zu leben und Machtpositionen zu erhalten. Ich war tief enttäuscht, als ich erkannte, dass bei dieser Partei offensichtlich der Anspruch zu hoch ist und deshalb in der Praxis das Gleiche in violett stattfindet. Im Dezember 2012 trat ich nach vier Jahren aktiver Mitgliedschaft frustriert aus.

Jens Brehl: Wie beurteilen Sie Ihre Erlebnisse bei den Violetten heute?

Martin Exner: Ich empfinde es als sehr positiv, dass sich Menschen auf den Weg machen, um spirituelle Politik in der Gesellschaft zu verankern. Das zeigt mir, dass ein Bewusstseinswandel stattfindet, der immer größere Kreise zieht. In diesem Transformationsprozess prallen alte und neue Energien aufeinander. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass es dadurch auch zu verstärkten Reibungen kommt, die als störend oder frustrierend empfunden werden können. Dies habe ich durch die Violetten lernen können.

Jens Brehl: Bei Spiritualität und Parteienpolitik prallen doch zwei unvereinbare Welten aneinander – zumindest scheinen Ihre Erlebnisse dies zu belegen, oder?

Martin Exner: Auf den ersten Blick erscheint dies so, denn Politik wird meist mit Korruption, Machtmissbrauch und gebrochenen Versprechen assoziiert. Unter Spiritualität hingegen vereinen sich „gute“ Werte wie Ganzheitlichkeit, Liebe und dergleichen. Das scheint nicht zusammen zu passen. Wir leben in einer Welt der vermeintlichen Gegensätze. Dennoch ist alles miteinander verbunden, alles ist eins. Das was wir Menschen als Widerspruch wahrnehmen, gehört in Wirklichkeit als Teile zum Ganzen. Man darf nicht vergessen, dass wir über Jahrtausende von dieser Dualität geprägt sind. Wir sollten uns wieder darauf besinnen, dass wir soziale Wesen sind, die sich gegenseitig stärken und ergänzen können, zum Wohle unserer Erde. Deshalb ist das Verbindende des Lebens und das Miteinander mit meinen Mitmenschen unserer Gesellschaft im Grunde gelebte spirituelle Politik. Für mich gehören die beiden Aspekte zusammen, obwohl die praktische Umsetzung von Spiritualität in der Politik aufgrund unserer Prägungen manchmal schwierig erscheint und in der Tages-Politik noch nicht wirklich wahrnehmbar ist. Hier sind jedoch mittlerweile Veränderungsprozesse im Gang. Dies wird für mich deutlich an Nachwuchspolitikern, die bereit sind, neue Wege zu gehen.

Jens Brehl: Woher sollen Politiker kommen, die ein echtes Miteinander leben, wenn sämtliche Parteien spätestens bei Wahlen Konkurrenten sind?

Martin Exner: Dazu bedarf es eines inneren Wandels bei den Individuen. Getreu nach Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir für diese Welt wünschst.“ Wenn sich jedoch nur wenige Menschen diesem inneren Prozess widmen, kann sich auch gesamtgesellschaftlich wenig ändern. Es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, der Gesellschaft neue Systeme überzustülpen, wenn die Menschen nicht für einen Wandel bereit sind. Zudem braucht es oft einen langen Atem, um alte Strukturen aufzubrechen. Wenn man jedoch in unsere Geschichte schaut, hat es immer Veränderungsprozesse gegeben, die sich zum Positiven entwickelt haben. Da viele Menschen Politik als abgetrennt von ihrem Leben empfinden, trauen sie den Verantwortlichen jedoch keinen Anstoß für eine positive Entwicklung zu. Wenn Politiker für mich schlecht sind, werde ich auch immer das Schlechte in ihnen sehen. Was ich gedanklich verinnerliche, wird zur Realität – schließlich handle ich dementsprechend. Deshalb sind positive Veränderungen nur möglich, wenn wir unsere Gedanken positiv neu ausrichten und Liebe sowie Vertrauen wieder mehr in unseren Fokus nehmen.

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Kategorie: die Freigeber Story

Ein Kommentar

  1. Schon als Student verstand ich Politik innerhalb einer Demokratie als eine Willensbildung der Menschen. Wir sollten uns doch wieder klar machen, dass wir der Souverän sind. Wir sind die Wähler und die „Gewählten“ sind unsere Volksvertreter. Leider hat sich in den letzten 20 Jahren in der Politik eine Kultur breitgemacht, die mit Lobbyismus, Persönlichkeitsneurosen der Politiker und Machtgehabe Einzelner beschrieben werden kann. Die wirkliche Aufgabe als VERTRETER des Volkes zu handeln, ging verloren. Jungpolitiker werden genauso wie unsere Jungmanager am Ziel vorbei in eine Richtung geführt, die den wirklichen Aufgaben der heutigen Zeit nicht gewachsen sind.
    Die kleineren Parteien haben oft ganz zukunfts-orientierte Programme (bedingungsloses Grundeinkommen, ökologisch verträgliche Windkraft etc.) und eine noch gute Portion Energie ihren Standpunkt zu vertreten. Aber was passiert wenn sie an die „Macht“ kommen ?
    Dann schwimmen sie mit im Strom und ihre Identität geht verloren.
    Das beste Beispiel sind für mich die GRÜNEN !
    Ich würde mir wünschen, dass die Menschen sich ihrer Aufgabe in der Demokratie bewusst werden und handeln ! Dann wird es unweigerlich Veränderungen geben müssen !

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