„Wer David Helfgott die Musik nimmt, der nimmt ihm sein Leben“

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Jens Brehl: David Helfgott hat eine schizoaffektive Störung. Wie äußert sich das?

Cosima Lange: Bereits als Kind hat er viel Klavier gespielt und wurde von seinem autoritären Vater mit unsensiblen Methoden unterrichtet. Doch David fiel zunächst nicht sonderlich aus der Rolle. Auffällig war lediglich sein außergewöhnliches musikalisches Talent. Die starken Symptome sind erst aufgetreten, als er gegen den Willen seines Vaters mit 18 Jahren in London aufgrund eines Stipendiums Musik studiert hat.

Auf sich alleine gestellt bekam er Angstzustände, wurde immer konfuser und sein Leben geriet aus den Fugen. Er vergaß zu essen, verließ ohne Schuhe das Haus und dergleichen. Eines Tages wurde er nach Australien zurückgeschickt und verbrachte hier elf Jahre in Nervenheilanstalten.

Jens Brehl: Was soll die Frage bedeuten, ob „jemand wie er“ öffentlich spielen darf?

Cosima Lange: Musikkritiker bemängeln immer wieder, dass David nicht perfekt, sondern auch spontan spielt. Er traut sich im Moment zu musizieren und für ein Gefühl auch mal eine falsche Taste zu erwischen. In seinem Klavierspiel gibt es durchaus Momente von höchster Genialität.

Letztendlich meinen die Kritiker jedoch, dass David krank und behindert ist und man würde ihn auf der Bühne bloß stellen. Aus meinem Blickwinkel ist dem nicht so, weil ersichtlich ist, wie sehr er die Menschen berührt. Natürlich bietet er einen gewissen Unterhaltungswert, aber das ist stets mit Respekt und Würde verbunden.

Zudem braucht David die Musik. Nimmt man ihm die Bühne weg, dann nimmt man ihm sein Leben. Es hat ihn schließlich elf Jahre in Nervenheilanstalten gehalten, weil ihm die Musik gefehlt hat. Erst als ihn ein Freund der Familie dort herausgeholt und er wieder langsam zu den Tasten gefunden hat, begab er sich auf seinen Weg zurück ins Leben.

David Helfgott: Eine Liebeserklärung an das Leben

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„David braucht und sucht Nähe.“
Bild: Piffl Medien

Jens Brehl: Wie kann man David Helfgott am besten beschreiben?

Cosima Lange: Für mich ist er nicht nur einer der außergewöhnlichsten Künstler unserer Zeit, sondern der spontanste, lebendigste und berührendste Mensch, dem ich bislang begegnet bin. David braucht und sucht Nähe. Er läuft auf wildfremde Menschen zu, stellt sich vor, umarmt und küsst sie. Ich hatte durchaus erwartet, er würde öfter abgelehnt. Wir haben hunderte Menschen getroffen und es gab anfangs durchaus irritierte Blicke. Aber letztendlich hat sich jeder an der Berührung von David erfreut.

Jens Brehl: Wie erklären Sie sich das? Schließlich dringt er ungefragt in die Privatsphäre ein.

Cosima Lange: Er hat eine Liebesqualität wie ein Kind. Wenn ein Kind auf einen zuläuft und in die Arme fällt, fühlt man sich nicht bedrängt oder angegriffen. David sieht in allem nur das Gute und kennt keine Vorbehalte. Seine Liebe kann man einfach annehmen, weil sie rein und überschwänglich ist.

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