Hinter den Kulissen der heilen Bio-Welt

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Spätestens bei der Schlachtung ist es meist aus mit der Öko-Romantik. Wie reine Gegenstände werden Tiere abgeladen und am Fließband getötet. Die Methoden unterscheiden nicht zwischen Tieren aus konventioneller oder ökologischer Landwirtschaft. Das Fleisch wird danach abgepackt und mitunter tausende von Kilometern transportiert. Manches davon landet nicht auf dem Teller, sondern später als Abfall in der Tonne.

Monsanto auf dem Öko-Acker

Seit über 10.000 Jahren betreibt die Menschheit Landwirtschaft. Pflanzen und Nutztiere wurden über Generationen gepflegt und auf natürliche Weise verbessert. Sie sind an lokale Bedingungen bestens angepasst und sorgen somit für stabile Erträge. Dieses enorm wertvolle Kulturerbe treten wir momentan mit Füßen und wir laufen ernsthaft Gefahr alles zu verlieren. Die industrielle Landwirtschaft ist aus geschichtlicher Sicht nicht mehr als ein Wimpernschlag und dennoch scheint sie übermächtig. Sie bezieht ihre Macht aus Abhängigkeiten. Die zehn größten Unternehmen beherrschen etwa 75 Prozent des weltweiten Saatgutmarkts. Auch sie setzen auf die Hybridtechnologie. Hybridsaatgut bringt uniforme Früchte hervor, wie es der Handel und – so dessen Argumentation – auch der Konsument fordert. Die Erträge sind ganz im Sinne der Massenproduktion (die zur Hälfte für die Mülltonne ist) höher und die Früchte sind nahezu zeitgleich reif. Somit spart sich der Landwirt mehrere Ernteschritte.

Doch wie beim Designer-Huhn, lässt sich das Hybridsaatgut nicht vermehren. Bereits in der nächsten Generation treten die genetischen Mängel zu Tage. Folglich muss der Landwirt jedes Jahr neues Saatgut kaufen, welches wiederum gar nicht für die ökologische Landwirtschaft entwickelt wurde. Hybridsaaten werden weltweit vermarktet, ganz egal welche klimatischen Bedingungen in der jeweiligen Region herrschen. Mittels enormen Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln und Kunstdünger, welche praktischerweise beim gleichen Konzern erworben werden können, ringt man der Erde einen ordentlichen Ertrag ab. Auf diese Weise verschleudert man nicht nur endliche Ressourcen wie beispielsweise Erdöl, sondern die Böden leiden massiv und auch einheimische (Nutz)Pflanzen haben das Nachsehen. Statt natürlicher Vielfalt herrscht Monokultur.

Hybridsaatgut hat Öko schon lange fest in der Hand, vielerorts fehlt es dadurch an wirtschaftlich tragfähigen Alternativen. Beispielsweise stammt der Mais für die Cornflakes des Naturkostherstellers Barnhouse wahrscheinlich aus Hybridsaat. „Auch im Bio-Bereich sind Hybrid-Getreide absolut üblich, mit samenfesten Sorten arbeiten fast nur noch die kleineren Höfe. Hybride haben den Vorteil, dass man sich das Beste aus verschiedenen Sorten zusammenzüchtet. Außerdem ist durch das immer frisch gelieferte Saatgut gewährleistet, dass keine Krankheiten und Pilze eingeschleppt werden“, erklärt Bettina Rolle, Marketingleiterin von Barnhouse. „Der Nachteil ist dann eher politisch, nämlich, dass man sich in die Abhängigkeit vom Saatgutlieferanten begibt.“

Wer der oder die Hersteller des Hybridsaatguts im Falle von Barnhouse sind, möchte das Unternehmen nicht verraten. Die Cornflakes gehören zu den Bestsellern und stünden in enger Konkurrenz mit verschieden anderen Herstellern. Mit dem Verweis auf zwei konkrete Fälle von Industriespionage bittet man um Verständnis, die Quelle des Hybridsaatguts nicht öffentlich nennen zu können.

Laut Deutschem Bauernverband sind die Unternehmen KWS, Pioneer und Limagrain die wichtigsten Lieferanten für Hybrid-Maissaat in Deutschland. Aber auch Monsanto und Syngenta sind auf dem deutschen Markt aktiv. Auch wenn man an dem Fakt schwer zu kauen hat: Wer sich bewusst für Biolebensmittel entscheidet, bei dem landet mitunter dennoch Monsanto und Co. auf dem Teller.

„Die Abhängigkeiten sind prekär, weil die Agro-Chemie-Konzerne am Ende das Saatgut kontrollieren und den Biobauern auf lange Sicht Sorten-Alternativen entzogen werden“, sagt Joseph Wilhelm. „Auch hier wirkt sich der Preisdruck aus, wenn die Biobranche auf Hybridsorten baut, die einen höheren und sicheren Ertrag versprechen.“ Ob der Mehrertrag tatsächlich nötig ist oder in der Mülltonne endet, steht auf einem anderen Blatt. „Umso mehr sich die Biobranche anpasst und ihre ursprünglichen Werte hintanstellt, umso gefährlicher wird es für sie. Wenn Bio glaubwürdig bleiben will, muss ein Umdenken stattfinden.“

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