Lokaljournalismus, diese inszenierte Scheiße

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Wieder hat ein Unternehmen zu einem Pressetermin eingeladen, um ein neues Produkt vorzustellen, einen Neubau einzuweihen oder dergleichen. Die PR-Abteilung hat für tolle Bildmotive gesorgt, auf die sich die Fotografen der regionalen Medien stürzen. Eifrig wird unreflektiert berichtet, was vor Ort gesagt wurde. (Kritische) Nachfragen oder Anlässe für weitere Recherchen Fehlanzeige. Der Jubelbericht ist billig und schnell produziert – nur ich kann es nicht mehr sehen.

Natürlich wollen und sollen regionale Medien über Ereignissen vor ihrer Haustür berichten und nehmen solche Termine wahr. Mir stößt zuweilen auf, dass Journalisten dabei mitunter zu Marionetten mutieren. Willfährig fotografieren und berichten sie das, was sie sollen. Ist das noch Berichterstattung oder längst der verlängerte Arm der PR-Abteilungen? Stichwort „Verlautbarungsjournalismus“.

Einmal war ich Zaungast eines solchen Pressetermins. Wegen einer anderen Angelegenheit war ich zufällig vor Ort und berichtete selbst nicht von dem Ereignis. So hatte ich alle Zeit der Welt, meine Kollegen zu beobachten. Fleißig schrieben sie die Zitate mit und schossen tolle Fotos. Was mich erschreckte: Keiner hatte tiefer gehende Fragen. Der Veranstalter selbst musste auf Besonderheiten hinweisen und die Journalisten erkannten, oh, das ist ja spannend. Fast musste man sie an die Hand nehmen und zu Verantwortlichen führen, damit sie sich mit diesen unterhielten. Ich war geschockt. Warum so passiv und einfallslos?

Zeitdruck und Personalmangel in Redaktionen

Nun möchte ich meine Kollegen nicht als unfähig oder gar dumm hinstellen. Oft fehlt einfach die Zeit, sich mit dem jeweiligen Thema vor eines solchen Termins eingehender zu beschäftigen. Viel eher gilt es oft, möglichst viele Ereignisse in der Region abzubilden und inflationär Fotos zu schießen, damit auch jeder Fotografierte sich bauchgepinselt fühlt – und die entsprechende Ausgabe der Zeitung kauft oder sich durch Bildergalerien klickt und dabei auch Werbeanzeigen sieht. Zudem herrscht in Redaktionen mitunter extremer Zeitdruck und/oder Personalmangel. Dann heißt es ruckizucki möglichst viele Termine wahrnehmen. Meine Kreativität würde garantiert darunter leiden, denn wie am Fließband kann ich nicht arbeiten. Andere hingegen scheinen gerade als „rasender Reporter“ in ihrem Element zu sein.

Es gibt aber auch Ausnahmen: So blieb ein Journalist der Lokalzeitung bei einer Diskussion am späten Abend bis zum Ende, was mich sehr gefreut hat. Hin und wieder erscheinen auch echte Perlen, wie dieser Beitrag. Ich lebe im Luxus, denn ich muss nicht tagesaktuell die Ereignisse in meiner Region abbilden. Pressetermine nehme ich nur wahr, wenn ich thematisch einen Mehrwert darin sehe. Etwa, wenn ich schon vorher entsprechende Beiträge veröffentlicht habe, ich daher mit dem Thema vertraut bin, ich persönliche Kontakte knüpfen möchte oder mir neue Ansätze für meine weiteren Recherchen verspreche.

Doch der nächste Sündenfall der Redaktionen lässt nicht lange auf sich warten.

Verdeckte PR in der lokalen Berichterstattung

Es kommt vor, dass kein Journalist eines regionalen Mediums Zeit hat, einen Pressetermin oder anderweitige Veranstaltung zu besuchen. Kein Problem, bekommt er doch hinterher einen fix und fertigen Pressetext nebst Fotos vom Veranstalter selbst geliefert. Texte halten dann mitunter ohne (gut sichtbarer und allgemein verständlicher) Quellenangabe 1:1 Einzug in die Berichterstattung. Inklusive der Tippfehler. Kopieren und einfügen eben – oder drastisch formuliert verdeckte PR. Das Medium möchte sich mitunter ungern die Blöße geben, dass es auf PR-Material angewiesen war. So denken Leser, sie hätten einen unabhängig verfassten Bericht vor sich. Ist das schon „Lügenpresse“?

Mich widert diese Praxis zunehmend an. Mit einher schwingt mein Groll, wenn ich bei einer Veranstaltung Stunden verbringe, Interviews führe, Vorträge komplett verfolge und hinterher andere Medien in ihrem Bericht nicht erwähnen, dass sie gerade einmal eine halbe Stunde oder eben gar nicht vor Ort waren.

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Kategorie: Medienalltag

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