„Damit Geld ankommt“: Neue Internetplattform für gemeinnützige Organisationen

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Als im Oktober 2012 im afrikanischen Gambia ein BMW X5 neben ihm hielt und mit laufendem Motor wartete, geriet Reinhold Hartmann ins Grübeln. Auf dem Nummernschild prangte deutlich ein UNICEF-Symbol. Zurück in seiner Heimat Leipzig fragte Hartmann auf der Facebookseite von UNICEF Deutschland, warum die Mitarbeiter mit derart teuren Fahrzeugen ausgestattet werden. Kurz darauf war der Beitrag gelöscht und damit der Grundstein für Trans!Charity gelegt.

Hartmann mit Kind im Auto

Freie Fahrt in eine bessere Zukunft
Bild: Social Projects for The Gambia e. V. – urheberrechtlich geschützt

Bereits seit einigen Jahren engagiert sich der systemische Unternehmensberater Reinhold Hartmann im Verein „Social Projects for The Gambia e. V.“,  der im afrikanischen Staat Schulen unterstützt, die Gesundheit von Kindern fördert und vieles mehr. Der Verein schickt dabei keine Hilfsgüter aus Europa, sondern bindet Einwohner und die lokale Wirtschaft mit ein. Mindestens 96 Prozent der Spendengelder fließt in die Projekte. Damit dieses Ziel erreicht wird, zahlen die Vereinsmitglieder Reisekosten wie Flug, Hotel und Mietwagen aus eigener Tasche. Daher machte sich Hartmann intensive Gedanken um den Luxus-BMW von UNICEF, der über 50.000 Euro kostet.

Der Weg zu Trans!Charity

„Ich wollte Klarheit, denn es hätte ja auch durchaus der Fall sein können, dass UNICEF die Fahrzeuge geschenkt bekam und sie deswegen einsetzt.“ Die Antwort von UNICEF erreichte Hartmann nicht, denn der Beitrag wurde wenige Stunden später gelöscht. Grund: Beim BMW handelte es sich um das Privatfahrzeug eines internationalen Mitarbeiters, der es gebraucht gekauft hatte. UN-Richtlinien legen fest, dass die Nummernschilder auch bei Privatautos die Organisation ausweisen, für die der Fahrzeughalter tätig ist. Aus Sicherheitgründen bat UNICEF-Gambia das Bild zu entfernen und damit war auch die Antwort verschwunden.  Bei Hartmann kam ein Stein ins Rollen. Aus eigener Erfahrung weiß er, wie wichtig für Spender die Gewissheit ist, dass Gelder auch für den gemeinnützigen Zweck und für konkrete Projekte eingesetzt werden. „Daher unterstützen viele gerne kleinere Vereine, welche wiederum meist unbekannt sind. Anders als bei größeren Organisationen fehlen die Mittel für die Öffentlichkeitsarbeit.“

Das möchte Hartmann mit seiner im April gestarteten Internetplattform Trans!Charity ändern. Hier können sich Wohltätigkeits-, Umwelt- und Hilfsorganisationen präsentieren, die gemeinnützig anerkannt sind und daher auch Spendenquittungen ausstellen können. „Das sind in erster Linie eingetragene Vereine, Stiftungen und einige wenige Unternehmen, die als gemeinnützige GmbH firmieren.“ Hartmann ist es wichtig, dass sämtliche auf Trans!Charity registrierten Organisationen transparent arbeiten und der Großteil der Spendengelder tatsächlich in die Projekte fließt. Dabei bietet Hartmann momentan einen Vertrauensvorschuss, denn er nimmt erst die Geschäftsberichte des abgelaufenen Jahrs 2013 genauer unter die Lupe. „Bewusst wollte ich zu Beginn die Hürden niedrig halten.“

Noch ist Trans!Charity Teil von Hartmanns GmbH, doch schon bald möchte er eine eigenständige Stiftung gründen. Sie soll dann auch Spendengelder generieren, die sie vollständig an die registrierten Organisationen weiterreicht.

Gemeinwohl als Ausgleich

„Seitdem ich mich persönlich sozial engagiere, gehe ich deutlich glücklicher durch mein Leben. Diese sinnvolle Tätigkeit ist eine echte Freude“, erklärt Hartmann seinen persönlichen Einsatz. In seiner Erwerbsarbeit begleitet er Führungskräfte und Unternehmen in Entwicklungs- und Wandlungsprozessen, doch es wird wohl noch eine Weile dauern, bis sich der Gemeinwohl-Gedanke nachhaltig in unserem Wirtschaftssystem etabliert hat. Dafür muss sich noch einiges ändern: Weg von der Konkurrenz hin zur Kooperation muss erst einmal in den Köpfen der Führungskräfte ankommen. „Wenn ich sehe, wie oft mit Ellenbogen gegeneinander gekämpft wird und welche Machtspielchen mitunter ausgetragen werden, bin ich manchmal frustriert. Mein gemeinnütziges Engagement ist da ein wunderbares Pendant, welches meine persönliche Balance aufrecht erhält“, erklärt Hartmann.

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Kategorie: die anderen

10 Kommentare

  1. Hallo Jens,

    danke für den Artikel. Interessantes und nachvollziehbares Projekt. Dennoch möchte ich die Diskussion zu diesem Thema anregen und auf folgenden Vortrag verweisen:

    http://www.ted.com/talks/dan_pallotta_the_way_we_think_about_charity_is_dead_wrong.html

    Ich kann beide Sichtweisen zum Thema Charity nachvollziehen, finde aber den Ansatz von Dan Pallotta überzeugender. Wenn z.B. nur 75% der Einnahmen dem eigentlichen Zweck zufließen und ein ordentlicher Anteil für Marketing-Zwecke „verbraten“ wird, aber durch die Werbemaßnahmen der Absolutbetrag größer ist als er ohne Werbemaßnahmen erzielbar wäre, dann ist der Sache mehr geholfen. Auch wenn prozentual gesehen ein erheblicher Teil in den „Wasserkopf“ fließt. Bei dieser Sichtweise ist ein solcher Verwaltungsapparat eben auch zweckdienlich.

    Gruß
    Marc

  2. Hallo Marc,

    vielen Dank für den ersten Kommentar im Blog!

    Ich glaube, es ist mitunter schwierig das richtige Maß bei der Öffentlichkeitsarbeit zu finden. Einerseits spricht man viel mehr Menschen an, wenn man mehr Geld investieren kann, andererseits kann das auch ein wenig verstören. Ich persönlich weiß zum Beispiel nicht genau, was ich von der Fernsehwerbung vom WWF halten soll. Die Sendeminute ist ja nicht gerade günstig. Wäre das Geld besser in Projekten aufgehoben oder hilft die Fernsehwerbung diese zu realisieren? Das gleiche mit Plaketwänden von Brot für die Welt: Neben Zigaretten- und sonstiger Werbung wird der Welthunger thematisiert. Es ist ja wichtig, dass darauf aufmerksam gemacht wird, aber irgendwie finde ich das nicht so passend. Vielleicht sprechen die Plakate auch die richtigen Menschen an?

    Egal wie: Transparenz ist für mich entscheidend, damit Spender leichter die Organisationen finden, die sie unterstützen möchten – ob weltweites Hilfswerk oder “kleiner” gemeinnütziger Verein.

  3. Hallo Marc,

    für eine Diskussion zur Sichtweise von Dan Pallotta bin ich sehr dankbar. Ich bin diesen Argumenten gegenüber offen.

    Mir geht es mit trans!charity einzig um Transparenz. Wenn ein kleiner Verein ehrenamtliche tätige Kompetenzen vereint und sich selbst freiwillig auferlegt, 96% in die Projekte zu geben, dann muss davon niemand seinen Lebensunterhalt bestreiten. Denn alle haben (hoffentlich) einen ordentlich bezahlten Hauptjob.

    Wenn dagegen eine Organisation für sich definiert und öffentlich dazu steht, dass sie 15% Personal- und Verwaltungskosten oder 5 % für Marketing brauchen, um professionell zu arbeiten, dann ist das für mich auch okay.

    Mir geht es nur darum, dass dies dem potenziellen Spender transparent offengelegt wird.

    Ich habe kürzlich eine Plakatwerbeaktion von einer großen Organisation gesehen. Die schreiben unten ganz klein hin: „Mit freundlicher Unterstützung des Plakatherstellers.“ Das hat für mich ein Gschmäckle. Besser wäre es, konkret zu schreiben: „Dieses Plakat wurde zu 20, 50 oder 100% von der Firma xyz finanziert.“

    Liebe Grüße – Reinhold

    • Hallo Reinhold,

      danke für die Antwort. Der Wunsch nach Transparenz ist sehr verständlich. Aber Transparenz drückt sich doch sicherlich nicht nur in der Spenden-Netto-Quote aus. Für mich suggeriert die Fokussierung auf diesen einen Kennwert eine gewisse „Verteufelung“ aller Unternehmungen, die eine Quote von kleiner 90% ausweisen würden. Es ist aus meiner Sicht daher mehr eine Wertung als eine neutrale Darstellung eines Sachverhalts. Quasi je höher die Quote desto besser das Projekt. Diese Korrelation ist meiner Meinung nach ohne Kontext nicht gegeben.

      Es ist ebenso nachvollziehbar, daß potentielle Spender Wert darauf legen, daß jeder Cent ihres Beitrags auch dem ausgesuchten Zweck zugutekommt.

      Bitte versteh‘ mich nicht falsch! Ich finde den Ansatz toll. Transparenz ist wichtig für meine Entscheidung, wem ich meine Spende anvertraue, aber Transparenz muss auch mit Neutralität verbunden sein. Womöglich sind für meine persönliche Entscheidungsfindung weitere Informationen notwendig, die eine Bewertung der Spenden-Netto-Quote innerhalb eines gewissen Kontextes ermöglichen. Welche das genau sein könnten, weiß ich momentan auch nicht.
      Ich denke mal weiter darüber nach…

      Gruß
      Marc

      • Lieber Marc,

        du hast völlig Recht, die Spenden-Netto-Quote alleine kann es nicht sein. Unsere Seite befindet sich noch in der Beta-Phase. Du kannst dich auf MEHR freuen.

        Solche Diskussionen, wie sie hier geführt werden, finde ich spannend und anregend. Danke dafür. Sie sind für mich ein wichtiger Input für die Umsetzung meiner Vision.

        Ja und was du sagst ist auch richtig. Transparenz muss mit Neutralität verbunden sein und, wie ich meine, mit Objektivität. Die Messkriterien sollten von jedem Dritten verstanden und nachvollzogen werden können. Eine Bewertung, wie z.B. bei AMAZON gegeben, wäre ein, aber nicht mein Ansatz. Denn die Summe an subjektiven Bewertungen gibt noch kein objektives Bild.

        Bis bald – herzliche Grüße – Reinhold

      • In erster Linie schaut man als Spender ja, ob der Zweck des Vereins als passend empfunden wird. Wenn ich lieber Projekte in Deutschland verwirklicht sehen möchte, ist ein Verein, der in Afrika aktiv ist sicher nicht der richtige Partner. Danach ist es vielen wichtig, was mit ihrem Geld passiert – denn das ist alles eine Vertrauensfrage. Nur wenige Spender werden die Möglichkeit haben, sich die Projekte mit eigenen Augen anzuschauen.

        Zudem kommt es ja auch darauf an, wie sinnvoll die Projekte sind. Auch wenn das meiste Spendengeld in die Projekte fließt, ist noch nicht gesagt, ob sie hilfreich sind die Welt ein bißchen besser zu machen.

        Ich mag Herrn Hartmanns Ansatz auf vielen Ebenen alles besser durchschaubar zu machen und vor allem auch kleineren Organisationen eine Chance zu geben sich bekannt zu machen.

        Hab auf jeden Fall vielen Dank für deine wertvollen Hinweise. Man merkt, dass du dich intensiv mit dem Thema beschäftigt hast. Diese Art der konstruktiven Kritik ist äußerst hilfreich und so freut es mich sehr, dass gleich in der ersten Woche des Freigeber-Blogs eine solch tolle Diskussion entstanden ist.

  4. Hallo Jens.
    Erstmal Glückwunsch zu Deinem gelungenen Blog.

    Zum Thema :

    Pollettas Denkweise ist ist auf jedenfall eine Anregung auch mal anders, eben größer, darüber nachzudenken wie man Gelder im sozialen Bereich noch akquirieren kann.
    Was für mich allerdings auch unverzichtbar ist, ist die Transparenz dabei.

    Interessant find ich auch Pollettas Hinweis auf die puritanischen Wurzeln und Denkweisen der Gesellschaft. Die nicht nur in Amerika eine weitverbreitete Grundlage des Denkens ist.
    Und diese Einstellung steht dem Gemeinwohl Gedanken im Weg, meines Erachtens.
    Aber ich bin voller Hoffnung, da ich das Gefühl habe, dass das Umdenken bereits eingesetzt hat und mit Hilfe solcher Blogs wie diesem, und Organisationen wie Trans!Charity weiter vorankommt.

    Hab noch einen Buchtipp u.a. auch zum Thema Puritaner und die gesellschaftlichen Auswirkungen :

    Tom Hodgkinson – Die Kunst frei zu sein

    Eine kleine Leseprobe: http://bilder.buecher.de/zusatz/25/25547/25547850_lese_1.pdf

    Liebe Grüße
    Stefan

  5. Lieber Stefan,

    danke für die Glückwünsche und deinen konstruktiven Kommentar! Die Transparenz ist das entscheidende, damit wir echte Entscheidungen treffen können.

    Zudem bist du eine wertvolle Stütze für meine Arbeit, weil du nun schon zum zweiten Mal einen freiwilligen finanziellen Beitrag geleistet hast: Einmal für mein Buch „Einmal Hölle und zurück – Mein Weg aus dem Burnout in ein neues Leben“ und nun für diesen Blog. Auch dafür nochmals danke!

  6. Eine wichtige Diskussion. Vielen Dank für den Impuls.
    Wie bei so vielem anderen auch: Je größer und mächtiger Organisationen, Unternehmen, um so mehr entfernen sie sich von ihren ursprünglichen Aufgaben. Eine „Kultur der kleinen Einheiten“ sollte um sich greifen. Wie schön, dass dieser Tage „Small is beautiful“ von E.F. Schumacher neu aufgelegt wird.
    Es kann nicht angehen, dass die großen und mächtigen Organisationen riesige – zum Teil aus Steuergeldern finanzierte – Subventionen bekommen, bestbezahlte „Wohltäter“ ausschwärmen lassen können und die kleinen, die mit Herzblut Hilfe organisieren, auf „Hauptjobs“ angewiesen sind, um aufopferungsvolle und zeitaufwendige „Hobbies“ betreiben zu können. Wir brauchen diesbezüglich ein völlig neues Denken und müssen darauf drängen, dass die großen Organisationen in kleine Einheiten aufgespalten werden und gleiche Chancen für alle entstehen.

    • Ich würde mir wünschen, dass diese Diskussion „ausartet“ :-)

      Nachdem ich trans!charity (http://www.trans-charity.com) initiiert habe, stelle ich fest, dass viele kleine Organisationen zwar Gutes tun, doch das Gute nicht immer gut machen.

      Das beginnt beim klaren Impressum (oft fehlen die klaren rechtlichen Mindestanforderungen , geht über eine verständliche Zielgruppenansprache (Was interessiert den potenziellen Spender?) und endet in der Intransparenz (Was sind Verwaltungskosten und was sind projektfördernde Kosten?)

      Nach fast 100 Anmeldungen stelle ich fest, dass es mit eine Aufgabe von trans!charity sein wird, Standards festzulegen. Es gibt zwar schon viele gute Ansätze, aber diese sind sehr allgemein und vielen kleinen Organisationen fehlt die Professionalität, diese für sich zu nutzen.

      Es bleibt spannend!

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