„Die Zukunft gehört der ökologischen Landwirtschaft“

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Jens Brehl: Warum geraten Kleinbauern weltweit überhaupt in die Abhängigkeit von Konzernen, wenn die ökologische Landwirtschaft dermaßen attraktiv ist, wie Sie sagen?

Felix zu Löwenstein: Ein großer Anteil der Kleinbauern hat ein Kapitalproblem: Sie sind häufig bei ihren Lieferanten verschuldet, der ihnen später auch die Ernte abkauft. In aller Regel ist die Ernte faktisch bereits verkauft, bevor sie überhaupt eingefahren ist. Den Preis bestimmt der Gläubiger und daher wird er zu seinen Gunsten so niedrig wie möglich sein. Wenn die Kleinbauern aufgrund der Schuldenlast ihre gesamte Ernte abgeben müssen, können sie ihre Familien nur durch Zukäufe versorgen. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen, was durchaus realisiert werden kann. Seit Jahrzehnten ist beispielsweise das Masipag-Projekt auf den Philippinen erfolgreich. Hier haben sich Kleinbauern zusammengeschlossen, die unter ökologischen Gesichtspunkten unterschiedliche, aus eigener Züchtung entstandene Reissorten anbauen. Es gelang die Bodenfruchtbarkeit verbessern, was höhere und stabilere Erträge einbrachte. Folglich können die Kleinbauern ihre Familien gut versorgen und laufen dadurch weniger Gefahr in Abhängigkeiten zu geraten. Durch die Vielfalt ernähren sie sich darüber hinaus gesünder. Trotz der staatlichen Propaganda auf industrielle Landwirtschaft zu setzen und subventionierten Kunstdünger zu kaufen, haben die Kleinbauern den Mut besessen, andere Wege zu gehen.

Jens Brehl: In den letzten Jahrzehnten haben etliche, vor allem kleine Bauernhöfe in Deutschland aufgegeben. In manchen Dörfern gibt es nur noch wenige oder gar keine Vollerwerbslandwirte mehr. Sehen Sie durch die ökologische Wende in der Landwirtschaft auch eine Chance für Kleinbauern in Deutschland?

Felix zu Löwenstein: Ein Blick auf die Altersstruktur der Bauern legt nahe, dass es bedauerlicherweise zukünftig noch weniger landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland geben wird. Doch auch auf größeren Flächen kann ökologisch gewirtschaftet werden.

Jens Brehl: Seit über 500 Jahren befindet sich Ihr südhessisches Hofgut Habitzheim in Familienbesitz. Vor 20 Jahren haben Sie den Betrieb auf ökologische Land- und Fortwirtschaft umgestellt, nachdem sie ihn sechs Jahre lang konventionell bewirtschaftet hatten. Was war der Ausschlag für Ihre Entscheidung?

Felix zu Löwenstein: Ich fühlte mich zunehmend unwohl mit dem Ausbringen von chemischen Stoffen in die Umwelt, die dort nichts zu suchen haben. Sobald ich verstanden hatte, dass die ökologische Landwirtschaft möglich und ökonomisch tragfähig ist, stellte ich den Betrieb entsprechend um.

Als studierter Landwirt glaubt man, ohne chemische Hilfsmittel oder Konzerne wie BASF und Monsanto im Rücken der „feindlichen“ Umwelt keinen Ertrag abtrotzen zu können. Obwohl es die heutige Form der industriellen Landwirtschaft erst seit wenigen Jahrzehnten gibt, hat sie sich fast zu einem Dogma entwickelt. Die landwirtschaftliche Ausbildung ist zu stark von diesen Vorstellungen geprägt und das Wirtschaften im Einklang mit der Natur wird kaum gelehrt. Doch entsprechendes Wissen und weitergehende Forschungen sind entscheidend für die ökologische Wende in unserer Landwirtschaft. Beispielsweise ist es bei einem Schädlingsbefall einfacher, ein entsprechendes Gift – ob chemisches oder ökologisches Mittel – auszubringen. Spannender aber deutlich zeit- und damit kostenintensiver ist die Frage, warum ein bestimmter Schädling aufgetaucht ist. Statt einen Schädling womöglich regelmäßig zu bekämpfen, wäre ein systemischer Ansatz wie man seine Anwesenheit von vornherein vermeiden kann, deutlich effektiver. Es wäre wünschenswert, wenn sich diese Denk- und Vorgehensweise etablieren würde. Natürlich stellt es für die Landwirte ein ökonomisches Wagnis dar, wenn sie neue ökologische Methoden ausprobieren. Vor allem, da das System der industriellen Landwirtschaft zu funktionieren scheint – auch wenn dieser Schein letztendlich trügt.

Jens Brehl: Welche politischen und gesellschaftlichen Bedingungen benötigt die ökologische Landwirtschaft, damit den Biolebensmitteln endgültig der Schritt aus der Nische gelingt?

Felix zu Löwenstein: Es gibt eine Vielzahl von Ansätzen, die man in Betracht ziehen kann. Vor allem muss man die tatsächlichen Kosten der industriellen Landwirtschaft in deren Produkte einpreisen. Dadurch würde die ökologische Landwirtschaft automatisch rentabler, da der Erhalt von Ressourcen, der Bodenfruchtbarkeit, der Artenvielfalt und dergleichen indirekt belohnt würde. Diesen Schritt müssen andere Nationen mitgehen, damit zerstörerisches Wirtschaften nicht einfach in andere Länder ausgelagert wird oder es müssen die Unterschiede in der Nachhaltigkeit des Wirtschaftens durch Zölle ausgeglichen werden. Da das nicht in jedem Fall möglich ist, ist es sinnvoll durch Ausgleichzahlungen ökologische Landwirtschaft zu fördern. In kaum einen anderen wirtschaftlichen Zweig wird mehr mit öffentlichen Gütern umgegangen, als in der Landwirtschaft. Daher ist es auch im Interesse der Öffentlichkeit, dass man dort nachhaltig mit den Ressourcen wirtschaftet. Wir brauchen darüber hinaus den kritischen und bewussten Konsumenten, der einerseits die Politik anstößt und gleichzeitig Wege für neu hinzukommende bewusste Konsumenten durch seine Nachfrage schafft.

Jens Brehl: Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Dieser Beitrag erschien erstmalig im Magazin raum & zeit Ausgabe 178 / 2012. Sie können die Original-Veröffentlichung auch direkt beim Verlag als PDF erwerben.

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Kategorie: die Freigeber Story

4 Kommentare

  1. Mich würde interessieren, wie der Prinz zu Löwenstein die Agrarreform auf EU-Ebene bewertet. Was man so hört, scheint da doch ein wenig Substanz mit dabei gewesen zu sein.

    • Der BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, Anmerkung Jens Brehl) hat den GAP-Prozess intensiv begleitet und kommentiert; hier von neu nach alt geordnet:

      Mehr:
      https://www.boelw.de/presse/meldungen/

      Ausführlicher Kommentar zur GAP für die Fachzeitschrift Ökologie und Landbau
      Standpunkt: Blassgrün mit Potenzial
      Joyce Moewius und Alexander Gerber

    • Lieber Herr Rüfer,

      ich bitte um Entschuldiugung für die späte Antwort – email-overflow….
      Frau Moewius hat ja schon ein paar Links hier ins Netz gestellt. In ein paar Sätze zusammengefaßt: Die Agrarreform hat zum ersten Mal deutlich gemacht, dass öffentliche Zahlungen auch an öffentliche Leistungen geknüpft sein müssen. Das ist ein Riesen Fortschritt. Nach Passieren der Mühle der Interessensansprüche ist in der Umsetzung davon aber nur wenig übrig geblieben. Für die Emtwicklung des Ökolandbaus stehen die Zeichen sogar besonders schlecht, weil die Mittel deutlich gekürzt wurden, mit denen diese Form der Landwirtschaft gefördert werden kann.

      mit besten Grüßen
      Felix Löwenstein

  2. Ich werde mal nachhaken und um eine Antwort bitten!

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