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Zwischen Propaganda und Wahrhaftigkeit: Konstruktive Kritik auf der Ialana Medientagung

Medienkritik wird oftmals emotional und lautstark geführt. Jahrelang hat sich Frust angestaut und andererseits gibt es die Sehnsucht nach vielfältigen Perspektiven in der Berichterstattung. Wie Propaganda und Kampagnen funktionieren, aber auch wie wahrhaftiger Journalismus aussieht, diskutierten die Teilnehmer der Ialana-Medientagung “Krieg und Frieden in den Medien“ am vergangenen Wochenende in Kassel. Der Freigeber war am Samstag vor Ort.

Dr. Sabine Schiffer vom Institut für Medienverantwortung [1] mahnte zu Beginn die Gefahr von Medienkonzentration an. Wenn eine Lokalredaktion mehrere Zeitungen beliefert, dann sei Medienvielfalt nur vorgegaukelt. Für das Schrumpfen von Redaktionen und dem Rückgang an festangestellten Mitarbeitern sieht sie bei Verlagen häufig keine existenziellen Gründe. Es gäbe keine Medienkrise, sondern eher eine Gewinnmaximierungskrise. Doch wie unabhängigen Journalismus nachhaltig finanzieren? Crowdfunding scheide aus, da es zu sehr von der jeweiligen Stimmung abhängig ist.

Die inszenierte Inszenierung in der Berichterstattung

Wenn Medien inszenierte Inhalte ihrerseits in Szene setzen, transportieren sie bereitwillig vorgefertigte Botschaften. „Wer hat das Heft des Handelns in der Hand“, fragte Professor Dr. Günther Rager von der Technischen Universität Dortmund. Im Spätsommer formulierte ich mich meinem Kommentar „Lokaljournalismus, diese inszenierte Scheiße“ [2] eine ähnliche Kritik.

In Sachen Transparenz würdigte Rager entsprechende Hinweise, wenn offen benannt werde, dass ausgestrahlte Interviews vorher aufgezeichnete wurden. Allerdings vermisst er häufig die Information, aus welcher Perspektive sich die Redaktion dem Thema des Beitrags genähert hat. In den Statuten [3] von Axel Springer heißt es unter anderem: „Wir zeigen unsere Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.“  Gibt es in den Publikationen des Unternehmens genügend Raum für kritische Stimmen und erweiternde Perspektiven?

„Es gibt keinen Bösewicht, der die Medien steuert.“ Es brauche keine Verschwörung für das Verhalten in der Medienlandschaft. „Am Zustand von Zeitungen sind nicht nur böse Verleger schuld, sondern auch Leser, die nicht bereit sind, den Preis für Informationen zu bezahlen“, sagte Rager mit Nachdruck.

Für mehr Kompetenz in den Rundfunkräten

Maren Müller hat sich durch ihre Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht nur Freunde gemacht. Gerade in der politischen Berichterstattung plädiert sie für mehr Ausgewogenheit. Dies hat sie dazu veranlasst, die Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien [4] ins Leben zu rufen. Kritiker bezeichnen sie mitunter als „Putin-Versteherin“, da sie besonders die in ihren Augen unausgewogenen Berichte über Russland zu Programmbeschwerden angeregt hat.

Es brauche mehr Unabhängigkeit. „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist durch Gebühren finanziert und sollte daher frei von den Zwängen des Marktes sein.“ Die Einschaltquote habe dort daher nichts zu suchen. Auch bemängelt sie den zu hohen Einfluss der Politik in Rundfunkräte (ARD) und Fernsehrat (ZDF). Sie stellt auch die Frage, inwieweit ein dort aktiver und viel beschäftigter Politiker über den Freiraum verfüge, um seiner Aufgabe der Programmkontrolle gerecht zu werden. Auf einer ihrer Programmbeschwerden habe ihr ein Rundfunkratsmitglied geantwortet, er habe keine Zeit zum Fernsehen. Wie soll er dann aber das Programm und dessen Qualität beurteilen? Sie selbst strebe keinen Sitz in einem Rat an, sondern verweist an Medienwissenschaftler als kompetente Mitglieder.

Wird bei Wikipedia manipuliert?

Die Idee ist verführerisch: Informationen für alle frei zugänglich machen und Schwarmintelligenz nutzen. Doch kann man den Informationen bei Wikipedia uneingeschränkt vertrauen? Schließlich kann jeder Fehler korrigieren und weiterführende Quellen liefern. Oder wird bei Wikipedia auch manipuliert? Markus Fiedler, bekannt durch seinen Film „Die dunkle Seite der Wikipedia“ [5], fand bei seinen Recherchen Erschreckendes.

Bei wissenschaftlichen und politischen Beiträgen herrschten auch in der freien Enzyklopädie gewisse Dogmen, auf deren Einhaltung die Administratoren achten. „Wer entscheidet über die Wahrheit und wer hat sie dazu legitimiert?“ Leicht ließen sich Fakten verdrehen, Lebensläufe von unliebsamen Personen verändern und nicht genehme Quellen unter den Tisch fallen lassen.

Besonders ein Wikipedia-Autor ist Fiedler aufgefallen. Dieser ist seit Jahren aktiv, an manchen Tagen schreibt er in kontrovers diskutierten Beiträgen im Zehn-Minuten-Takt. Fiedler fragte sich, was den Autor qualifiziert, da ihm schließlich bei seinen Aktivitäten keine Zeit für eine umfassende Recherchen bleiben kann.

Einseitige Berichterstattung nicht erst seit der Ukrainekrise

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Wie entscheidend die Macht der Sprache nicht nur bei Wikipedia, sondern auch in den Medien ist, machte Dr. Kurt Gritsch vom Institut für Zeitgeschichte Innsbruck deutlich. Als Beispiel nahm er die Berichterstattung zum Kosovokrieg. Ohne entsprechendes UN-Mandat waren die Bombardierungen durch die NATO ein völkerrechtlich illegaler Angriffskrieg. Im besten PR-Sprech bezeichneten ihn viele Medien als „humanitäre Intervention“.

Vom 24. März bis zum 10. Juni 1999 untersuchte Gritsch die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Süddeutsche Zeitung (SZ), die tageszeitung (taz), Spiegel und DIE ZEIT. Auf den Narichtenseiten fand er durchaus eine realistische Abbildung des öffentlichen Diskurses. Anders sei es im Feuilleton – sprich auf den Meinungsseiten: Dort sei der Unterschied zur öffentlichen und veröffentlichten Meinung deutlich gewesen. „Eine einseitige Berichterstattung gibt es nicht erst seit der Ukrainekrise.“

„Es lohnt sich auf Sprache zu achten. Sprache kann entlarvend sein“, meinte auch Professor Dr. Gabriele Krone-Schmalz. Der Journalist Andreas Zumach sprach sich für mediale Sorgfalt aus: Mehr Recherche, weniger Schnellschüsse. Dabei ist es möglich, komplexe Themen verständlich aufzubereiten. Das zeigte eindrücklich Ekkehart Sieker, der als Rechercheur unter anderem für die Kaberett-Sendung „Die Anstalt“ im ZDF tätig ist. Alleine zur Sendung über Neoliberalismus waren die Quellenangaben 100 Seiten lang. „Das ist für den Fakten-Check unerlässlich.“

Die Medien sind nicht der Feind

Allgemeines Medien-Bashing kam während der Veranstaltung höchstens am Rande vor. Dafür gab es differenzierte und teilweise konstruktive Kritik. Auch das Interesse an einem Dialog auf Augenhöhe war groß. Albrecht Müller, Herausgeber der NachDenkSeiten, vermisste Vertreter der „regulären“ Medien, um mit ihnen zu diskutieren anstatt über sie zu reden. Krone-Schmalz verwies auf die teilweise vergiftete Atmosphäre zwischen Mediennutzern und Medienschaffenden.

Wie vor Propaganda schützen?

In der abschließenden Podiumsdiskussion konnte kein Patentrezept präsentiert werden, wie sich Mediennutzer vor Propaganda schützen können. Krone-Schmalz mahnte Skepsis an, wenn Berichte Fakten nur auf der moralisch-emotionalen Ebene darlegen. Darüber hinaus sprach sie sich für ein Schulfach „Medienkompetenz“ aus.

Sieker plädierte dafür, das Wort „Wahrhaftigkeit“ wieder zu beleben, damit Vertrauen in die Medien entstünde.

Hinweis

Die Ialana Medientagung fand vom 26. bis 28. Januar statt. Aus zeitlichen Gründen konnte ich nur am Samstag teilnehmen und kann an dieser Stelle aus rund 9 Stunden Vorträgen und Podiumsdiskussionen nur einen Bruchteil wiedergeben. Daher sind die ausgewählten Schlaglichter subjektiv. Zitate können punktuell abweichen, weil ich sie an die Schriftsprache angepasst habe; sinngemäß dürften keine Fehler enthalten sein. Sämtliche Vorträge wurden aufgezeichnet und ich werde an dieser Stelle auf die Videos verlinken, sobald diese verfügbar sind.

Nachtrag 15.03.2018: Die Videos sind mittlerweile veröffentlicht [7].