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Wider den Beschiss: Ethisches Radio wäre so einfach

„Das Böse ist immer und überall“, sang einst die Band „Erste Allgemeine Verunsicherung“. Nicht nur wenn dieses Lied im Radio läuft, heißt es mitunter genau hinhören, denn: „Im Radio lässt es sich leicht betrügen, weil wir keine Bilder übertragen. Im Grunde kann man den Hörern alles Mögliche erzählen“, sagt die freie Hörfunkjournalistin Sandra Müller, die 2007 die Initiative „fair radio“ mitgegründet hat. In Zeiten von „Lügenpresse“ spielen Radiosender mit dem Feuer, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit mit fragwürdigen Methoden leichtfertig aufs Spiel setzen. Dabei sei ethisches Radio leicht machbar.

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Hörfunkjournalistin Sandra Müller setzt sich vor und hinter dem Mikrofon für faires Radio ein.

Beim Branchentreff „Tutzinger Radiotage“ diskutierte 2007 eine Arbeitsgruppe bestehend aus öffentlich-rechtlichen Radiomachern und deren Kollegen von privaten Sendern über Ethik im Hörfunk. Dabei empörten sie sich über viele fragwürdige Arbeitsanweisungen.

Live ist nicht live, versteckte PR und andere „Skandale“ im Hörfunk

„Beispielsweise sollten sie so tun, als würden sie live mit einem Kollegen sprechen oder seien gar live vor Ort. Dabei saßen sie alleine im Studio“, erklärt Sandra Müller [1]. „So wollen wir aber nicht arbeiten!“ Schnell waren sich die Kollegen einig und gründeten die Initiative „fair radio“ als Zusammenschluss von Hörfunkern und formulierten gemeinsam die Regeln des Tutzinger Appells [2]. „Wir möchten Glaubwürdigkeit erhalten, denn auf diesem Ast sitzen alle Medienschaffende. Wir befinden uns alle in einem Boot und müssen dafür sorgen, dass sich Hörer auf uns verlassen können“, stellt Müller mit Nachdruck klar.

Redaktionen von Print- und Onlinemedien diskutieren derzeit über Native Advertising; damit sind Werbeanzeigen gemeint, die wie redaktionelle Beiträge aussehen. „Im Hörfunk diskutieren wir dies schon länger, auch wenn die Begriffe anders sind.“ Im Radio laufen mitunter Beiträge, die Agenturen für ihre Kunden erstellt haben und die nur wie redaktionelle Beiträge klingen. Auch Ministerien gäben solches Material in Auftrag, mitunter inklusive Pseudo-Umfragen, an denen Schauspieler teilgenommen haben. „PR gehört in den Werbeblock und nicht ins laufende Programm und wir wünschen uns, dass solche Beiträge gekennzeichnet werden müssen. Wenn Moderatoren behaupten, Kollegen hätten solche Stücke recherchiert, dann ist das eiskalt gelogen.“ Aus juristischer Sicht verstoßen Sender gegen keine Gesetze, denn das Unternehmen, welches die Agentur beauftragt hat, liefert lediglich „Pressematerial“. Die Redaktionen entscheiden frei, ob sie es senden oder nicht. Im letzten Jahr hatte der Fall von Radio SAW für Aufsehen in der Branche gesorgt, da ganze Sendungen an Sponsoren verkauft, diese aber nicht genannt wurden, wie „fair radio“ auf seiner Internetseite dokumentiert [3].

Betrug fliege heute deutlich schneller auf als früher und dennoch laufen auf Radiosendern nach wie vor sinnlose Inszenierungen. Da gibt es Gewinnspiele, deren Gewinne allerdings gar nicht ausgezahlt werden oder man schafft künstliche Skandale. „So manche angebliche Höreraktion entpuppt sich hinterher als reines PR-Konzept des Senders.“ Beliebt ist beispielsweise ein Gewinnspiel, bei dem Radiosender von Hörern eingereichte Rechnungen begleichen. „Regelmäßig möchten sich Hörer angeblich moralisch fragwürdige Dinge wie einen Sexurlaub in Thailand oder eine Abtreibung bezahlen lassen. Sender lassen dann die Hörer in aufheizten Diskussionen im eigenen Programm wie auch in den sozialen Medien aufeinander losgehen.“ Solche Aktionen liefen oft verstärkt, wenn die Hörerzahlen erhoben werden.

Aufmerksamkeit um jeden Preis: Alles für die Einschaltquote

Anders als bei der Einschaltquote des Fernsehens, gibt es beim Ermitteln der Hörerzahlen keine Testhaushalte, deren Medienkonsum gemessen wird. Stattdessen finden telefonische Umfragen statt, bei denen nachgehakt wird, wer wann welchen Sender gehört hat und welche Sender man überhaupt kennt. „Die Erinnerung von Menschen ist manipulierbar“, kritisiert auch Müller. „Niemand führt ein genaues Protokoll und kann genau sagen, wie lange er was in der vergangenen Woche gehört hat. Man könnte auch böse formulieren, dass die Quote nicht den Hörkonsum abbildet, sondern nur wer sich an den Namen des Senders zum Zeitpunkt des Anrufs erinnert.“ Die Methode ist zwar schwammig, aber daraus ergibt sich für Sender eine harte Währung: Je mehr Hörer (angeblich) einschalten, umso teurer sind Werbezeiten.

Daher sollen künstliche Aufreger und „Skandale“ die Sendernamen in das Unterbewusstsein und Gedächtnis der Hörer einbrennen. So ist es wahrscheinlicher, dass sich ein Teilnehmer der Umfrage erinnern kann. „Es ist legitim, dass Radiosender bekannt werden wollen, die Methoden sind es mitunter allerdings nicht und schaden der ganzen Branche.“

Kollaborateure wider Willen

Doch warum lassen sich Radiomacher auf den Betrug am Hörer ein? Für viele sei es im Laufe der Zeit normal zu schummeln. So geht einem Moderator das „Guten Morgen“ mitunter leicht von den Lippen, mit dem er ein Interview beginnt, welches zwar im Morgenprogramm läuft, allerdings schon vorher aufgezeichnet wurde. „So etwas wird den Kollegen beigebracht.“ Zudem seien viele von ihnen freiberuflich tätig und fürchteten bei geäußerter Kritik berufliche Nachteile. Erschwerend käme die dünne Personaldecke bei manch einer öffentlich-rechtlichen Hörfunkanstalt hinzu und auch private Sender verspürten vermehrt finanziellen Druck. Daher müssen wenige Mitarbeiter viele Themen umsetzen – dann fehlt oft die Zeit, das eigene Handeln zu hinterfragen.

Da viele Praktiken als normal gelten, werden die Forderungen von „fair radio“ oft als weltfremd bezeichnet. Mit dem Ethik FAQ [4]  zeigt die Initiative jedoch auf, wie leicht sich ethischer Rundfunk etablieren lässt. „Man kann etwas richtig machen, ohne dass es jemandem weh tut oder sperrig klingt. Oft muss man dafür nur ein wenig anders formulieren“, sagt Müller und ruft ihre Kollegen auf: „Seid ehrlich, lasst euch nicht zu einem Kasperletheater hinreißen und macht euch nicht angreifbar.“

„fair radio“ geht daher auch gezielt auf junge Radiomacher, wie Volontäre und Praktikanten zu, da diese öfter fragwürdige Methoden kritisieren und noch nicht vom Medienalltag „versaut“ seien.