- Der Freigeber - https://www.der-freigeber.de -

Westlicher Terror erschüttert die Welt

Die Journalistin Sophie Schelling war zur falschen Zeit am falschen Ort: Für eine Reisereportage besuchte sie ein abgelegenes Dorf in der marokkanischen Wüste. Dort wurde sie Zeugin, wie eine amerikanische Spezialeinheit im „Kampf gegen den Terror“ sämtliche Dorfbewohner massakrierte. Der Angriff wurde später Al-Quaida in die Schuhe geschoben. Schelling überlebte knapp und möchte in den Medien die Wahrheit enthüllen, doch damit läßt sie sich – zumindest im Roman „Never Say Anything“ von Nahost-Experte Michael Lüders – auf ein lebensgefährliches Spiel ein.

Zurück in Deutschland hat Sophie Schelling zunächst keine Beweise in der Hand, dass die Angreifer tatsächlich Amerikaner waren. Fakt ist „lediglich“, dass ein ganzes Dorf dem Erdboden gleich gemacht wurde. Doch als an der Wahrheit Interessierte der Journalistin die benötigten Beweise zuspielen, kann sie zwar einen waschechten Scoop bieten, doch der Widerstand in der eigenen Redaktion wächst.

Medien verstrickt in Netzwerken und starren Weltbildern

never-say-anythingIhr Chefredakteur beginnt ihr immer wieder Steine in den Weg zu legen, auch weil er sich weigert, sein Schwarz-Weiß-Weltbild wer die Guten und wer die Bösen sind, zu hinterfragen. Zudem ist er im Roman Mitglied in einem „maßgeblichen deutsch-amerikanischen Freundeskreis“ und nimmt an den Konferenzen der Bilderberger teil. Kurzum, er ist voll auf Systemlinie.

Je mehr Schelling für ihren Bericht kämpft, umso stärker entfremdet sie sich von den Kollegen. In einer Redaktionskonferenz fragt sie offen in den Raum: „Sind wir an der Wahrheit interessiert, ja oder nein? Nehmen wir unseren Job ernst, oder begnügen wir uns mit der Rolle eines bloßen Resonanzbodens öffentlicher Erregung, je nachdem, welche Sau gerade medienwirksam durchs Dorf läuft? Reicht es uns, die jeweiligen aktuellen Sprechblasen von Entscheidungsträgern zu kommentieren, oder haben wir inhaltlich noch etwas mitzuteilen?“

Medien messen mit zweierlei Maß: Nährboden für „Lügenpresse“

Tatsächlich messen hiesige Medien häufig mit zweierlei Maß. Werfen russische Kampfpiloten über Syrien Bomben ab, wird das allerorts kritisiert – besonders weil Russland eigene Ziele verfolge. Eben dies tun aber auch westliche Mächte. Fast schon achselzuckend nehmen wir die unzähligen unschuldigen zivilen Opfer der amerikanischen Drohnenkriege zur Kenntnis. Durch diese heimtückischen und völkerrechtswidrigen Attacken nehmen Menschen westliche Mächte nicht als die Guten, sondern als Terroristen wahr. Denn plötzlich explodiert die Welt um sie herum und geliebte Menschen werden im wahrsten Sinne des Wortes zerfetzt. Speziell durch die Ukrainekrise spürten und kritisierten viele Mediennutzer die unausgewogene Berichterstattung, die auch Nährboden für das Wort „Lügenpresse“ war.

In Lüders Roman beginnt sich Schelling zu fragen, „warum es Mut erforderte, die Wahrheit auszusprechen, manchmal nur eine missliebige Meinung zu vertreten. Immerhin lebte sie in einem Land, das nach allen Maßstäben als frei und demokratisch zu gelten hatte.“

Auch ihr guter Freund Günther versteht die Welt nicht mehr: „Eigentlich sollten Zeitungen Hintergründe liefern. Das tun sie aber nicht. Überall steht derselbe Quatsch, den ich längst im Internet gelesen habe. Durch deine Erfahrungen ist mir das zum ersten Mal so richtig bewusst geworden.“ – „Weil Qualität Kosten verursacht, Günther. Ein Meinungsartikel ist schnell geschrieben. Recherche braucht Zeit und kostet Geld.“

Journalistin im Visier amerikanischer Geheimdienste

Während Schelling den Widerstand der Medien überwinden muss, nehmen sie auch die amerikanischen Geheimdienste ins Visier und trachten schließlich nach ihrem Leben. Eine gnadenlose Jagd beginnt, wobei sich die Journalistin nicht auf alle ihr nahe stehenden Personen verlassen kann. Wem kann sie trauen und wird sie es überleben, sämtliche Hintergründe der Öffentlichkeit zugänglich zu machen?

Bewusst hat sich der Nahost-Experte und Autor Michael Lüders für den Titel „Never Say Anything“ entschieden, denn die Anfangsbuchstaben ergeben die Abkürzung des amerikanischen Geheimdiensts „NSA“. Es war klug die Romanform zu wählen, weil er so die Leser emotional dichter an die Protagonisten heranbringt. Dabei hält uns Lüders als Gesellschaft mit seinem Roman den Spiegel vor. Der moralische Zeigefinger wirkt nicht aufgesetzt, sondern fügt sich gut in die spannend erzählte Geschichte ein, die sich so in der Form auch im echten Leben täglich abspielen könnte.