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Vom Abfall zum Nährstoff – Wie die nächste industrielle Revolution unser Leben grundlegend verändern wird

Kaum eine andere Erfindung der Menschheit bedroht unsere Lebensräume derart stark wie die des Abfalls. Obwohl die Natur lediglich Nährstoffe kennt und in perfekten Kreisläufen jeden Stoff wiederverwertet, entzieht der Mensch diese dem natürlichen System in großen Mengen und hinterlässt zudem giftige Altlasten. Bei unserer derzeitigen Lebensweise ist es lediglich eine Frage der Zeit, bis alle natürlichen Ressourcen geplündert sind und sich unser Planet in eine riesige, stinkende Müllkippe verwandelt hat. Wir gehen mittlerweile sogar so weit, über Jahrtausende strahlenden Abfall in Kauf zu nehmen, nur um Energie zu gewinnen, mit deren Hilfe wir wiederum neuen (Konsum-)Müll produzieren. Doch es gibt zumindest eine Alternative.

Der Chemiker Prof. Dr. Michael Braungart strebt einen vollständigen Paradigmenwechsel an: Sämtliche Produkte müssen in der Art neu erfunden werden, dass sie dem Menschen und der Umwelt nützen. Alle Materialen würden in geschlossenen Kreisläufen als Nährstoffe dienen; nichts ginge jemals verloren. Ist dies der Wunschgedanke eines naiven Träumers oder steckt dahinter die nächste industrielle Revolution?

Geburtsstätten des Mülls

Die herkömmliche Industrie produziert vor allem eins: Probleme. Trotz in den meisten Bereichen gesättigten Märkte möchten Unternehmen um des Wachstums Willens Steigerungsraten präsentieren. Da der fünfte Kühlschrank oder das zehnte Mobiltelefon keinen zusätzlichen Nutzen für den Konsumenten bringt, versieht man Produkte mit Sollbruchstellen. Der Fachmann spricht von der geplanten Obsoleszenz. Drucker verweigern beispielsweise nach einer gewissen Anzahl von Ausdrucken den Dienst, obwohl sie technisch einwandfrei funktionieren würden. Eine „Reparatur“ lohnt sich unter finanziellen Aspekten selten, der Neukauf ist billiger. Zur Freude des Herstellers können die Schornsteine weiter rauchen und die Fließbänder Produkte ausspucken. Seitens der Hersteller ginge der Trend bei Fernsehern zu immer kürzeren Lebens- und Nutzungszeiten, schließlich kämen alle sechs Monate neue Modelle auf den Markt, erklärte mir unverblümt ein Fachverkäufer. Neben dem ausufernden Ressourcenverbrauch wachsen die Müllberge – nicht zuletzt auch wegen dem massiven Einsatz von Einwegverpackungen; auch in der Biobranche.

Aus den Augen aus dem Sinn

„Sobald der Mensch mit für ihn scheinbar unlösbaren Problemen konfrontiert ist, verfällt er häufig in mittelalterliche Verhaltensweisen zurück“, philosophiert Prof. Dr. Michael Braungart bei unserem Gespräch. Heutzutage würden zwar keine Hexen mehr verbrannt, dafür aber jede Menge Abfall. Die Folgen sind fatal: Alleine 13.000 Tonnen Kupfer gingen auf diese Weise jährlich in Deutschland unwiederbringlich verloren. Dabei müssen verbrannte Stoffe wieder ersetzt werden. „Etwa 800 Tonnen Sonderabfälle entstehen, wenn eine einzige Tonne Kupfer neu gewonnen werden soll.“ Müllverbrennungsanlagen beseitigen demnach keinen Müll, sondern verursachen neben den giftigen Restschlacken und Flugasche viel größere Mengen, als sie jemals fassen könnten. Alleine am Beispiel Kupfer ist ersichtlich, dass wir jährlich mit zusätzlichen etwa 10.400.000 Tonnen Sonderabfällen konfrontiert sind. Der blanke Wahnsinn.

Seit Jahren herrschen in Deutschland bei Müllverbrennungsanlagen Überkapazitäten vor, was wiederum das Verbrennen verbilligt. Um die Anlagen und entsprechende Kraftwerke dennoch wirtschaftlich zu betreiben – schließlich war der Bau kapitalintensiv und muss demnach Renditen abwerfen – importiert Deutschland jede Menge Müll. Im Jahr 2011 immerhin über zwei Millionen Tonnen.  „Mittelfristig wird die Importmenge weiter steigen“, ist sich Dr. Sven Schulze, Bereichsleiter Umwelt beim Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) sicher. Zum 1. Juni 2012 ist die Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes mit dem Ziel höhere Abfallmengen der Wiederverwertung zuzuführen in Kraft getreten. Im Umkehrschluss steht künftig demnach weniger Restmüll bereit, der nebenbei bemerkt häufig gar nicht brennbar ist, wenn Papier und Kunststoffe aussortiert werden. Im Ausland kommt daher mitunter Heizöl zum Einsatz, um den Müll zu entzünden.

Eine Welt voller Nährstoffe

Viele Menschen trennen fleißig ihren Abfall und führen auf diese Weise Rohstoffe der Wiederverwertung zu. Allerdings macht der Hausmüll nur einen geringen Anteil an dem gesamten Aufkommen aus. Laut Braungart sind dies lediglich fünf Prozent. Zudem sind aufgrund von giftigen Inhaltsstoffen etliche Produkte allenfalls schwer oder gar nicht zu recyceln. Sitzbezüge in Flugzeugen können derart giftig sein, dass sie als Sondermüll entsorgt werden müssen. Während der Nutzungsdauer gefährden sie die Gesundheit der Passagiere. Aber auch andere Alltagsgegenstände werden derart produziert, dass sie weder wiederverwertet noch streng genommen für den Gebrauch geeignet sind: Teppiche und Fußböden verpesten durch das Ausdünsten von Chemikalien die Raumluft oder Kleidung ist so hoch mit Giftstoffen belastet, dass Hautkontakt Krankheiten auslöst.

„Ein Hauptgrund für das Versagen von Recycling-Systemen ist die Tatsache, dass die in diesen System recycelte Materialien ursprünglich nicht für das Recycling vorgesehen waren“, erklärt Braungart. „Viele Materialen verlieren bei der Wiederverwertung ihre technischen Fähigkeiten, ihre Intelligenz und können daher lediglich für minderwertige Zwecke eingesetzt werden. Die ehemals hochwertigen Materialien müssen dann wieder neu hergestellt werden.“ Vielfach findet ein so genanntes Downcycling statt, da häufig allenfalls minderwertiges Material gewonnen wird. Auf Glasflaschen finden sich Druckfarben aus Keramik, welches das recycelte Glas verunreinigt. Getränkedosen enthalten verschiedene Legierungen, die später vermischt werden. Das hochgiftige PVC kontaminiert die gewonnenen Kunststoffe und selbst das aus dem Naturmaterial Holz hergestellte Papier ist durch Chemikalien und Druckfarben regelrecht verseucht.

Braungart zäumt das Pferd von vorne auf: Gleich zu Beginn muss das Richtige getan werden. Bislang werden seiner Ansicht nach bei der „Ökoeffizienz“ die falschen Dinger perfekt gemacht und damit perfekt falsch. Die Menschen feierten beispielsweise Autoreifen, mit höherer Lebensdauer als ökologischen Fortschritt, obwohl sie immer noch bis zu 600 verschiedene Chemikalien enthalten. „Davon dürfen 500 niemals in die Umwelt gelangen.“ Der ehemalige Greenpeace-Aktivist Braungart legt nach: „Unter Umweltschutz versteht man in Deutschland, dass man weniger zerstört. Ganz nach dem Motto: Schütze die Umwelt und produziere weniger Müll. In der gleichen Logik gesprochen könnte man sagen, schütze dein Kind, schlage es statt fünf Mal nur drei Mal.“

Bereits 1987 gründete Braungart in Hamburg das internationale Forschungs- und Beratungsinstitut EPEA (Environmental Protection Encouragement Agency). Sein Konzept nennt er Cradle to Cradle, auf deutsch: von der Wiege zur Wiege. Hierbei werden alle Produkte neu erfunden und so konzipiert, dass sie entweder Nährstoffe für biologische Kreisläufe (beispielsweise durch Verrotten) oder technische darstellen. Im ersten Schritt müssen dazu sämtliche Giftstoffe ersetzt werden. Wie eingangs beschrieben, werden etliche Produkte dadurch erst nutz- und wiederverwertbar. Die Menschen setzen ihre Intelligenz bereits zu Beginn ein und überlegen nicht wir bisher am Ende des Produktzyklus wohin mit dem ganzen Sondermüll.

Verbrauchsprodukte wie Waschmittel, Schuhsohlen, Bremsbeläge und dergleichen werden derart konzipiert, dass die Natur sie verwerten kann. Gebrauchsgüter wie Waschmaschinen oder Fernseher können problemlos in ihre Einzelteile zerlegt und die Materialien ohne Qualitätsverlust unendlich eingesetzt werden. Künftige Unternehmen werden somit zu Rohstoffbanken, die nicht wie bisher klassisch Produkte, sondern Dienstleistungen verkaufen. Im Falle der Waschmaschine etwa 5.000 mal Waschen. Ohne künstliche Sollbruchstellen könnten somit Innovationen Einzug erhalten. „Es gilt die optimalen Nutzungszeiträume zu finden“, sagt Braungart. Ein Computer, der dreißig Jahre hielte, würde vom technischen Fortschritt überholt werden. Man könne die Produkte auch wie bisher verkaufen und die Rückgabe attraktiv gestalten. Statt wie bisher die billigsten – und damit meist giftige – Materialien einzusetzen, liegt der Anreiz für Unternehmen darin, nur noch hochwertige Stoffe zu verwenden. Bei deren Herstellung fallen keine giftige Altlasten an und auch die Produktion an sich wäre in einigen Fällen günstiger: Im Idealfall benötigt man weniger oder keinen teuren Arbeitsschutz mehr und Menschen blieben länger gesund. Braungart sieht sein System in regionalen Kreisläufen und den Einsatz von 100 Prozent regenerativer Energie.

Bereits seit Jahren entstehen in enger Zusammenarbeit mit der Industrie Cradle to Cradle-Produkte: Essbare Bezugsstoffe für Möbel erblickten als erstes Produkt 1991 die Welt. Es folgten in der langen Liste unter anderem 2002 der Bürostuhl Think vom Steelcase aus den USA, welcher vollständig im technischen Kreislauf wiederverwertet werden kann. Ein Beispiel für den biologischen Kreislauf bietet der deutsche Textilhersteller Trigema, der 2006 das kompostierbare T-Shirt präsentierte. 3) Neben klassischen Ökounternehmen, wie Weleda oder Ecover, arbeitet Braungart bewusst auch mit Großkonzernen wie BASF, Philips oder Nike zusammen. Cradle to Cradle soll kein Nischenkonzept sein. Möchte der Mensch auch in Zukunft gesunde Lebensräume vorfinden, so müssen so schnell wie möglich die entsprechenden Weichen gestellt werden.

Noch sind Cradle to Cradle-Produkte vielerorts unbekannt, denn neben den Schwierigkeiten sie komplett neu zu erfinden, gibt es auch Probleme beim Bewerben der Ware. Es würden schlafende Hunde geweckt, denn im Falle von Textilien kämen die Unternehmen in Erklärungsnot, warum sie seit Jahrzehnten hochgiftige Produkte verkaufen. Die Cradle to Cradle-Revolution ist daher hierzulande noch eine leise. Zudem hat sie in der Abfallindustrie einen mächtigen Gegner, denn diese fürchtet um ihr lukratives Geschäft.

Der Mensch als Nützling

Die Umweltbewegung hat laut Braungart den Menschen über viele Jahre hinweg eingeredet er sei schädlich und es wäre besser, wenn es ihn nicht gäbe. Konsum sei schlecht und man müsse sparen. Wenn ein Kirschbaum erblüht, dann tut er dies mit dem natürlichen Gesetz der Fülle. Obwohl er nur einen Bruchteil der Blüten und Früchte für das Fortpflanzen benötigt, bringt er einen wahren Schatz hervor, der anderen Lebewesen Nahrung bietet.

Es geht darum ein neues Denken und vor allem Handeln zu integrieren: Statt weniger schädlich, nützlich zu sein. Wie die Kirschblüten könnten auch die Produkte der Menschen der Natur dienen. Hierfür müssen wir uns wieder als einen Teil eines großen Ganzen betrachten. Dabei darf sich jeder Einzelne fragen, ob er lieber Teil des Problems oder der Lösung sein möchte. Konsum ist demnach nicht per se schlecht. Statt wie bisher den zum Scheitern verurteilte Versuch zu unternehmen bei endlichen Ressourcen (weil unwiederbringlich verschwendet) ein unendliches Wirtschaftswachstum hervorzubringen, müsse in Zukunft das wachsen, was Mensch und Natur dienlich ist. Braungarts Vision enthalten Unternehmen, die Wasser in höhere Qualität in den Kreislauf zurückgeben, als sie entnommen haben. Gebäude, die mehrere Verwendungszwecke erfüllen und demnach nicht abgerissen werden müssen und vieles mehr. Generell spricht der Chemiker vom qualitativen Wachstum. Anstatt weniger vom Falschen zu konsumieren, ist es an der Zeit mehr vom Richtigen in die Welt zu bringen. Braungart setzt dabei auf die junge Generation, die einen Sinn in ihrer Tätigkeit leben und wahrhaft stolz auf seine Leistung sein möchte. Wer schädlichen und nicht verwertbaren Müll produziere könne dies eben nicht.

Cradle-to-Cradle mag für weite Teile der Industrie eine Revolution darstellen, doch im Grunde ist das Konzept ein längst fälliges Rückbesinnen auf natürliche Gesetzmäßigkeiten. Vielleicht wird man eines Tages im Geschichtsunterricht erstaunten Schülern erklären, was Müll gewesen ist und wie ihre Vorfahren damit umgingen.

Hinweis

Dieser Beitrag erschien erstmalig im Magazin raum & zeit Ausgabe 179/2012. Sie können die Original-Veröffentlichung auch direkt beim Verlag kostenpflichtig als PDF erwerben.