„Die Zukunft gehört der ökologischen Landwirtschaft“

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Vollständige ökologische Wende in der Landwirtschaft

Jens Brehl: Ist es für den flächendeckenden Bioanbau angesichts von mit Pestiziden und Kunstdünger verunreinigter Böden und sich in der Natur ausbreitende Gentechnik nicht längst zu spät?

Felix zu Löwenstein: Ich habe das Gefühl, dass die öffentliche Meinung man könne sich gegen die Gentechnik nicht wehren, da sie sich bereits überall ausgebreitet hätte von denjenigen forciert wird, die die Gegenwehr aufweichen möchten. In Wahrheit liegt der Anteil des gentechnisch veränderten Pflanzenanbaus in Europa im Promillebereich. Daher sind wir noch in einer überaus günstigen Ausgangslage uns gegen diese Risikotechnologie zu entscheiden.

Und selbstverständlich können wir jederzeit damit aufhören, die Bodenfruchtbarkeit zu verringern und Gewässer zu verunreinigen. Wie man sieht, hat sich beispielsweise die Wasserqualität von deutschen Flüssen in einem überschaubaren Zeitraum verbessert. Je früher wir uns für eine ökologische Landwirtschaft entscheiden, umso besser. Sicherlich kann es ab einem gewissen Punkt zu spät sein, wenn Ressourcen endgültig aufgebraucht, Böden unfruchtbar geworden sind oder das Ökosystem kollabiert ist. Daher sollten wir nicht zu lange warten.

Jens Brehl: Biolebensmittel sind in der Regel teurer als konventionelle Produkte, da der Aufwand sie zu erzeugen meist höher ist und darüber hinaus weniger Erträge mit sich bringt. Ist Bio überhaupt für alle Einkommensschichten geeignet?

Felix zu Löwenstein: In Wirklichkeit ist die konventionelle Produktion teurer. Man merkt das aber nicht direkt, weil nicht alle Kosten im Verkaufspreis enthalten sind. Für Umweltschäden und schwindende Ressourcen kommt die Allgemeinheit auf. Ein plastisches Beispiel: Im Sommer 2011 waren die Küsten der Bretagne von sich explosionsartig vermehrenden Gift-Algen betroffen. In der Urlaubsregion konnte man nicht im Meer schwimmen und die Tourismusbranche erlitt einen immensen finanziellen Schaden. Die Ursache der Algenschwemme war der Nährstoffaustrag der großen Tierfabriken der Bretagne. Müssten die Verursacher für den in der lokalen Wirtschaft entstandenen Schaden aufkommen, würde sich das dort erzeugte Fleisch um ein Vielfaches verteuern. Wenn darüber hinaus durch Monokulturen die Artenvielfalt leidet oder mehr Ressourcen wie Energie oder sauberes Wasser verbraucht als zur Verfügung gestellt werden, wird die Nahrungsmittelproduktion viel teurer, als wir uns leisten können. Egal wie hoch dann die Erträge sein mögen, gehen sie auf Kosten von künftigen Generationen. Würden diese Faktoren im Verkaufspreis berücksichtigt, wären biologisch erzeugte Produkte günstiger.

Diese Überlegung hilft jedoch dem Konsumenten, dem begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, nicht weiter. Dennoch kann sich jeder auch mit wenig Geld eine ökologische Ernährung leisten. Wer frische, unverarbeitete Produkte kauft und selbst verarbeitet, wer darauf achtet, was es in der Saison gibt und wer wenig Fleisch kauft, braucht dafür nicht viel Geld. Wenn ich nur noch halb so viel und dafür ökologisch erzeugtes Fleisch kaufe, ist das im Übrigen nicht nur für die Umwelt gut, sondern auch für die persönliche Gesundheit. Wenn die Möglichkeit besteht, kann man sich durch einen eigenen Garten vergleichsweise günstig zusätzlich mit guten Lebensmitteln versorgen.

Jens Brehl: Wenn der Bioanbau die Weltbevölkerung ernähren soll, müssen dafür nicht auch großflächige Monokulturen angelegt werden?

Felix zu Löwenstein: Man muss sich vor Augen führen, dass weltweit 70 Prozent der Lebensmittel von Kleinbauern erzeugt werden. Das Wort „Welternährung“ bringt automatisch das Bild mit sich, als stehe irgendwo ein großer Topf und alle säßen hungrig mit ihren langen Löffeln rings herum. Der Topf würde dann von irgendjemand gefüllt, der massiv in großen Mengen produzieren muss. Doch die Realität sieht völlig anders aus: Der weitaus überwiegende Anteil der weltweit erzeugten Lebensmittel wird vor Ort für die jeweilige Region produziert. Dort wo Hunger herrscht, können Kleinbauern in eine ökologische Landwirtschaft geführt werden, die stabilere, reichhaltigere und vielfältigere Erträge produziert und die natürlichen Ressourcen erhält.

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Kategorie: die Freigeber Story

4 Kommentare

  1. Mich würde interessieren, wie der Prinz zu Löwenstein die Agrarreform auf EU-Ebene bewertet. Was man so hört, scheint da doch ein wenig Substanz mit dabei gewesen zu sein.

    • Der BÖLW (Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft, Anmerkung Jens Brehl) hat den GAP-Prozess intensiv begleitet und kommentiert; hier von neu nach alt geordnet:

      Mehr:
      https://www.boelw.de/presse/meldungen/

      Ausführlicher Kommentar zur GAP für die Fachzeitschrift Ökologie und Landbau
      Standpunkt: Blassgrün mit Potenzial
      Joyce Moewius und Alexander Gerber

    • Lieber Herr Rüfer,

      ich bitte um Entschuldiugung für die späte Antwort – email-overflow….
      Frau Moewius hat ja schon ein paar Links hier ins Netz gestellt. In ein paar Sätze zusammengefaßt: Die Agrarreform hat zum ersten Mal deutlich gemacht, dass öffentliche Zahlungen auch an öffentliche Leistungen geknüpft sein müssen. Das ist ein Riesen Fortschritt. Nach Passieren der Mühle der Interessensansprüche ist in der Umsetzung davon aber nur wenig übrig geblieben. Für die Emtwicklung des Ökolandbaus stehen die Zeichen sogar besonders schlecht, weil die Mittel deutlich gekürzt wurden, mit denen diese Form der Landwirtschaft gefördert werden kann.

      mit besten Grüßen
      Felix Löwenstein

  2. Ich werde mal nachhaken und um eine Antwort bitten!

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