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Spiritualität in der Politik: „Echte politische Veränderungen kann es nur durch kleine Parteien geben“

Unser gesellschaftliches Leben ist von Politik bestimmt, dennoch interessieren sich viele Bürger kaum für politische Belange. Dies möchte Martin Exner, ehemaliger hessischer Landesvorsitzender der Partei für spirituelle Politik „Die Violetten“ und Autor des Buchs „Ausgeklinkt – Volksvertreter ohne Volk“, ändern. Für ihn treiben vor allem neue kleine Parteien den gesellschaftlichen Wandel hin zu echtem Gemeinwohl an, die es deshalb zu stärken gilt. Er spricht bei den etablierten Parteien von politischen Zwängen, verlorenem Idealismus und zu wenig Interessenvertretung der Wähler. Aus seiner aktiven Zeit bei den Violetten sieht er diesbezügliche innere Veränderungsprozesse als Chance.

Martin Exner

„Politik geht uns alle an“, meint Martin Exner.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-SA 4.0 [1]

Jens Brehl: Waren Sie schon immer ein politischer Mensch oder wie sind Sie in der Politik gelandet?

Martin Exner: Mein Vater war stark politisch interessiert und schon recht früh war mir klar, dass ich mich aktiv einbringen möchte. 1998 trat ich der CDU bei und war in dem Jahr erstmals Bürgermeisterkandidat in Niddatal. Bis dato war ich noch nie Mitglied in einer Partei gewesen. Insgesamt 12 Jahre lang war ich als Kreistagsabgeordneter in Friedberg tätig.

Jens Brehl: Was bedeutet für Sie Politik?

Martin Exner: Der Wortursprung von Politik ist Polis und beschreibt damit jegliche Tätigkeit von Menschen in einer Gesellschaft, die dem sozialen Gefüge dient. Der Großteil der Bevölkerung sieht Politik als etwas Getrenntes vom wahren Leben. Kein Wunder, denn auch so manch ein Politiker verliert das Gemeinwohl mitunter aus den Augen – obwohl ich dabei nicht immer eine böse Absicht unterstellen möchte. Oftmals starten sie ihre Karriere mit einem großen Idealismus, doch dann werden sie von dem System dermaßen geprägt, dass sie schnell stromlinienförmig agieren. Ich möchte aber keine Politiker verteufeln, denn sie sind Menschen wie du und ich.

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Jens Brehl: Wie kommt der anfängliche Idealismus abhanden?

Martin Exner: Für jemanden, der die Berufspolitik anstrebt und als Abgeordneter in den Landtag oder Bundestag einziehen möchte, ist es auch eine Karrierefrage, ob er bei seinen Idealen bleibt oder sich anpasst. Das gleiche Verhalten lässt sich ebenso in der Wirtschaft beobachten. Um erfolgreich sein zu können, lässt man sich oft in eine vorgegebene, enge Struktur pressen. Wenn man ausschließlich seine eigene Meinung vertritt, dann ist das Risiko besonders groß, beruflich auf der Stelle zu treten. Es geht schließlich immer darum, Mehrheiten in Parlamenten zu finden und oft sind diese knapp. Die Fraktionen müssen ihre Mitglieder dann auf Linie bringen, weil jeder Abweichler in den eigenen Reihen die Mehrheit gefährden kann und damit Machtverhältnisse verschiebt. Daher kommen etlichen Politikern im Laufe der Jahre ihre eigenen Ideale abhanden.

Ich habe jedoch beobachtet, wenn Politiker nichts mehr zu verlieren haben, weil sie etwa kurz vor der Rente stehen oder einen schwerwiegenden Einschnitt wie eine Krankheit oder einen Todesfall im engen Umfeld erfahren haben, dass sie dann wieder authentischer werden. Fast so, als würden sie sich an die Werte erinnern, die wirklich zählen.

Jens Brehl: Wie man ihrem Buch entnehmen kann, sehen Sie Politik aus einer ganzheitlichen Sicht. Wann ist Ihr spirituelles Interesse erwacht?

Martin Exner: Durch meine christliche Erziehung begleitet mich das Thema Spiritualität seit meiner Kindheit. Als Jugendlicher habe ich mich in einem evangelischen Jugendclub engagiert und mich intensiv mit der Bibel und Glaubensfragen beschäftigt. Später im Berufsleben trat dies zunächst in den Hintergrund. Als ich 2009 an einem Burnout erkrankte und ein Jahr darauf eine schwere Depression folgte, wurde mir wieder die zentrale Bedeutung von Spiritualität bewusst. Dadurch wurde mein Blick klarer und hat die Prioritäten entsprechend verschoben.

Menschen definieren Spiritualität unterschiedlich entsprechend ihrer jeweiligen Erfahrung. Für mich bedeutet es auf den Punkt gebracht in meinem Entscheiden und Handeln alles einzubeziehen. Schließlich ist alles miteinander verbunden. In der klassischen Kirchenlehre heißt es, wir Menschen würden über allem stehen, doch in meinen Augen sind wir Teil eines großen Ganzen. Kurzum: Die Einheit in der Vielfalt.

Das Gleiche in violett

Jens Brehl: Was waren Ihre Beweggründe 2008 von der CDU zu den Violetten zu wechseln?

Martin Exner: Damals fühlte ich mich in der CDU zunehmend unwohl, da die christlichen Werte wie Nächstenliebe und das Miteinander zwar mitunter in die Politik mit einflossen, aber nicht durchgehend gelebt wurden. Je höher die Positionen innerhalb der Partei waren, umso mehr Machtkämpfe wurden ausgetragen. Mein persönliches spirituelles Interesse war gerade wieder in meinem Alltag präsenter geworden und so war ich offen für die Violetten, da die Partei eine spirituelle Politik betreiben möchte. Auch wenn ich erst 2008 Mitglied wurde, brachte ich mich bereits vorher aktiv ein. Das bedingungslose Grundeinkommen ist fest im Parteiprogramm verankert, doch es gab anfangs noch kein konkretes Konzept. Das konnte ich liefern, da ich eines im Rahmen meines Buchs „Ausgeklinkt – Volksvertreter ohne Volk“ [3] entwickelt hatte. Das Exner-Modell wurde einstimmig angenommen und ist meines Wissens auch heute noch Teil des Parteiprogramms. Von Juni bis Dezember 2012 war ich Landesvorsitzender in Hessen.

Jens Brehl: Das klingt nach einer fruchtbaren Zusammenarbeit. Warum sind Sie dennoch Ende 2012 bei den Violetten ausgetreten?

Martin Exner: In der Präambel sind die Werte Liebe, Mitgefühl, das Miteinander und dergleichen zwar fest verankert, doch sie wurden in der Praxis von einigen Mitgliedern kaum gelebt. Das erinnerte mich an meine Erfahrungen bei der CDU, der die christlichen Werte in manchen Situationen abhanden kommen. Doch die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis ist nach meinem Empfinden durch den hohen Anspruch bei den Violetten noch größer. Meines Erachtens liegt dies wohl auch daran, dass spirituelle Menschen oft sehr stark mit ihrer inneren Entwicklung beschäftigt sind, deshalb ihren Schwerpunkt auf die eigene Anbindung an das Göttliche legen und dadurch die Verbindung zu anderen Menschen aus dem Blick gerät.

Ein wesentlicher Teil der Spiritualität ist für mich, dass ich auch auf meine Mitmenschen achte, sie so akzeptiere, wie sie sind – ohne zu verurteilen. Das bedeutet letztlich die liebevolle Integration anderer in mein Leben. Dazu war ein Teil der spirituellen Mitglieder bei den Violetten genauso wenig in der Lage, wie Mitglieder anderer Parteien hinsichtlich ihrer Ideale. Die Angst vor Machtverlust führt in der Führungsebene zu ähnlichen Mechanismen, wie in anderen Organisationen. Als ich den Posten des Landesvorsitzenden einnahm, fing das Konkurrenzdenken mir gegenüber an und der Umgangston wurde rauer. Spaltend wirken zudem die zwei spirituellen Lager innerhalb der Partei. Einerseits die „Erdangebundenen“ und andererseits diejenigen, die sich bereits als „erleuchtet“ betrachten und über allen irdischen Belangen schweben. Wir kennen dieses trennende Phänomen auch von den Grünen zwischen „Fundis“ und „Realos“.

Wie in anderen Parteien oder Vereinen geht es einigen aktiven Mitgliedern um externe Anerkennung, das eigene Ego zu leben und Machtpositionen zu erhalten. Ich war tief enttäuscht, als ich erkannte, dass bei dieser Partei offensichtlich der Anspruch zu hoch ist und deshalb in der Praxis das Gleiche in violett stattfindet. Im Dezember 2012 trat ich nach vier Jahren aktiver Mitgliedschaft frustriert aus.

Jens Brehl: Wie beurteilen Sie Ihre Erlebnisse bei den Violetten heute?

Martin Exner: Ich empfinde es als sehr positiv, dass sich Menschen auf den Weg machen, um spirituelle Politik in der Gesellschaft zu verankern. Das zeigt mir, dass ein Bewusstseinswandel stattfindet, der immer größere Kreise zieht. In diesem Transformationsprozess prallen alte und neue Energien aufeinander. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass es dadurch auch zu verstärkten Reibungen kommt, die als störend oder frustrierend empfunden werden können. Dies habe ich durch die Violetten lernen können.

Jens Brehl: Bei Spiritualität und Parteienpolitik prallen doch zwei unvereinbare Welten aneinander – zumindest scheinen Ihre Erlebnisse dies zu belegen, oder?

Martin Exner: Auf den ersten Blick erscheint dies so, denn Politik wird meist mit Korruption, Machtmissbrauch und gebrochenen Versprechen assoziiert. Unter Spiritualität hingegen vereinen sich „gute“ Werte wie Ganzheitlichkeit, Liebe und dergleichen. Das scheint nicht zusammen zu passen. Wir leben in einer Welt der vermeintlichen Gegensätze. Dennoch ist alles miteinander verbunden, alles ist eins. Das was wir Menschen als Widerspruch wahrnehmen, gehört in Wirklichkeit als Teile zum Ganzen. Man darf nicht vergessen, dass wir über Jahrtausende von dieser Dualität geprägt sind. Wir sollten uns wieder darauf besinnen, dass wir soziale Wesen sind, die sich gegenseitig stärken und ergänzen können, zum Wohle unserer Erde. Deshalb ist das Verbindende des Lebens und das Miteinander mit meinen Mitmenschen unserer Gesellschaft im Grunde gelebte spirituelle Politik. Für mich gehören die beiden Aspekte zusammen, obwohl die praktische Umsetzung von Spiritualität in der Politik aufgrund unserer Prägungen manchmal schwierig erscheint und in der Tages-Politik noch nicht wirklich wahrnehmbar ist. Hier sind jedoch mittlerweile Veränderungsprozesse im Gang. Dies wird für mich deutlich an Nachwuchspolitikern, die bereit sind, neue Wege zu gehen.

Jens Brehl: Woher sollen Politiker kommen, die ein echtes Miteinander leben, wenn sämtliche Parteien spätestens bei Wahlen Konkurrenten sind?

Martin Exner: Dazu bedarf es eines inneren Wandels bei den Individuen. Getreu nach Gandhi: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir für diese Welt wünschst.“ Wenn sich jedoch nur wenige Menschen diesem inneren Prozess widmen, kann sich auch gesamtgesellschaftlich wenig ändern. Es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, der Gesellschaft neue Systeme überzustülpen, wenn die Menschen nicht für einen Wandel bereit sind. Zudem braucht es oft einen langen Atem, um alte Strukturen aufzubrechen. Wenn man jedoch in unsere Geschichte schaut, hat es immer Veränderungsprozesse gegeben, die sich zum Positiven entwickelt haben. Da viele Menschen Politik als abgetrennt von ihrem Leben empfinden, trauen sie den Verantwortlichen jedoch keinen Anstoß für eine positive Entwicklung zu. Wenn Politiker für mich schlecht sind, werde ich auch immer das Schlechte in ihnen sehen. Was ich gedanklich verinnerliche, wird zur Realität – schließlich handle ich dementsprechend. Deshalb sind positive Veränderungen nur möglich, wenn wir unsere Gedanken positiv neu ausrichten und Liebe sowie Vertrauen wieder mehr in unseren Fokus nehmen.

Kleine Parteien als Ausweg

Jens Brehl: Trotz Ihrer Erlebnisse bei den Violetten und rar gesäter Politiker mit einer ganzheitlichen Sicht glauben Sie dennoch, dass gerade kleine Parteien den politischen und damit auch gesellschaftlichen Wandel anstoßen können. Warum?

Martin Exner: Alle etablierten Parteien sehen sich politisch in der „Mitte“, die angeblich seit Jahrzehnten die richtigen Antworten auf die wichtigsten Fragen haben. De Facto spitzen sich ökologische, wirtschaftliche und soziale Probleme immer weiter zu, weil sie auf neue Fragen unserer Zeit immer nur die alten Antworten liefern. Große Parteien verfügen häufig über gut trainierte Sprecher, die Dinge anders darstellen können, als sie tatsächlich sind. Zudem sind sie durch Spenden von Konzernen und deren wirtschaftlichen Interessen abhängig. In den einzelnen Ministerien sitzen Lobbyisten und schreiben die Gesetzestexte. Angesichts dieser Missstände ist es für mich unbegreiflich, warum dies bei den Bürgern nicht schon längst einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hat. Parteien, die von diesem System profitieren, werden dieses nicht infrage stellen und deshalb freiwillig auch keine Veränderungen einleiten.

Das können in meinen Augen nur kleine Parteien bewirken, die sich ihre Unabhängigkeit bewahren und es mit ihren authentisch agierenden Mitgliedern schaffen, den Idealismus zu leben. Sie können die großen schwächen, wenn sie in den Bundestag oder die Landtage einziehen und somit auf parlamentarischer Ebene Druck ausüben. Das kann einen politischen Wandel herbeiführen. Hierfür gibt es einen Beleg: Einst wurden die Grünen als Spinner belächelt, heute hat nahezu jede Partei ein ökologisches Programm. Sobald Parteien endlich begreifen, dass statt Abgrenzung durch Teilaspekte, wie Umwelt, Freiheit. Wirtschaft, Soziales und dergleichen, der Blick auf alle Zusammenhänge erforderlich ist, lässt sich auch ganzheitliche Politik umsetzen. Dazu kann jeder Einzelne beitragen, wenn wir Bürger gut informiert sind, uns als mündig und einflussreich begreifen, um uns für sinnvolle und nachhaltige Alternativen zu entscheiden.

Jens Brehl: Vielen Dank für das Gespräch.

Wie ich dazu kam Martin Exner zu diesem Thema zu interviewen erfahren Sie im Beitrag „Wie aus einem Nebensatz mehrere Hauptsätze wurden“ [4].