- Der Freigeber - https://www.der-freigeber.de -

Schluss mit der Propaganda: Öffentlich-rechtliches Fernsehen abschalten

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen verbreitet als mit Zwangsabgaben finanziertes Staatsfernsehen nichts als Propaganda und muss deswegen abgeschafft werden – zumindest, wenn es nach Berthold Seliger, Autor des Buchs „I have a stream“ geht. Seliger trifft mit seiner Kritik mehrfach direkt ins Schwarze: mangelnde Transparenz, Einfluss von Parteien auf das Programm und Druck durch die so genannte „Einschaltquote“. Allerdings leistet sich der Autor erhebliche verbale Fehltritte, wenn er beispielsweise das heutige öffentlich-rechtliche Fernsehen mit dem Rundfunk des Dritten Reichs gleichsetzt.

Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist nicht neu: Es sei zu teuer und berichte in einigen Fällen zu einseitig sind regelmäßige Vorwürfe. Auch Autor Berthold Seliger prangert in seinem aktuellen Buch einige Missstände an, verfängt sich jedoch immer wieder in seinen Pauschalurteilen und eingeschränkter Sichtweise.

Wie im Dritten Reich: Nichts als Propaganda

i-have-a-streamIn Seligers Welt gibt es keine Unterschiede zwischen dem Rundfunk des Dritten Reiches und dem heutigen. Beide seien durch die Bank weg „Propagandamaschinen“. Mit solchen starren Behauptungen begibt sich der Autor mehr als einmal unnötig aufs Glatteis. Mit seinem Schwarz-Weiß-Denken tappt er immer wieder in eigene Fallen und widerspricht sich dann mitunter selbst. Manager sind per se gierig und „Figuren“ wie Uli Hoeneß könnten ungestraft kriminell werden. Allerdings sitzt ausgerechnet Hoeneß als eines von Seligers Beispielen seine Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung ab.

Bereits in den ersten Abschnitten wird deutlich, dass Seliger nur die Programminhalte in seinem Buch thematisiert, die sein Weltbild vom stets die Zuschauer verdummenden Staatsfernsehens tragen und so vermeidet er es, das Gesamtbild zu betrachten. Dabei spart er nicht mit pauschalen Beleidigungen, so sei allen Mitarbeitern des öffentlich-rechtlichen Fernsehens „eigenes Denken fremd“. Daher bekäme die Bundesregierung keinen kritischen Gegenwind. Dabei spielen gerade die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bei investigativen Inhalten eine große Rolle.

So war neben deutschen Zeitungsverlagen der Norddeutsche Rundfunk (NDR) beim Aufarbeiten der Daten zu „Offshore-Leaks“ beteiligt. Wochenlang beherrschte das System der Steueroasen die Medien. Umstrittene Waffenexporte werden ebenso regelmäßig thematisiert, wie auch das Vorgehen westlicher Geheimdienste, einschließlich des Bundesnachrichtendienst (BND). Der investigative Spielfilm „Meister des Todes“ [1], der auf Recherchen bezüglich illegaler Waffenexporte von Heckler & Koch beruht, läuft im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Die Hartz-Reformen werden regelmäßig kritisiert, wie auch die Arbeitsmarktpolitik der Regierung. Zudem gab und gibt es Sendungen, die sich kritisch mit dem umstrittenen Freihandelsabkommen TTIP beschäftigen. Eine davon habe ich zufällig eingeschaltet und staunte am Ende nicht schlecht, als der Moderator die Zuschauer aufrief, sich gegen TTIP zu engagieren. Diese Liste ließe sich noch beliebig fortsetzen. Natürlich gibt es in Sachen Meinungsvielfalt im deutschen Fernsehen noch viele Baustellen, wie auch die als einseitig umstrittene Berichterstattung rund um die Ukraine-Krise verdeutlichte. Träfe Seligers Fundamentalkritik jedoch in allen Punkten zu, würden wir in einem Land wie Nordkorea leben.

Dabei trifft Seliger auch ins Schwarze, zeigt Zusammenhänge auf und stellt die richtigen Fragen.

Staatsfern und transparent? Von Wegen!

Laut Rundfunkstaatsvertrag soll unser öffentlich-rechtlicher Rundfunk „staatsfern“ organisiert sein. Dennoch sitzen in den Rundfunkräten auch Vertreter der Parteien und üben mal mehr, mal weniger Einfluss auf das Programm aus. Die im ZDF ausgestrahlte heute show widmete sich dem Parteieinfluss mit einem gewohnt satirischen Beitrag.

Seliger fordert, dass das Fernsehen nicht mehr per Gebühren, sondern mittels Steuern finanziert wird. Damit wäre dann alleinig das Finanzministerium für die finanziellen Mittel verantwortlich und Fernsehmacher müssten noch stärker fürchten, sich bei der Politik unbeliebt zu machen. Mit seiner Forderung schießt Seliger ein klassisches Eigentor, denn der staatliche Einfluss wäre noch größer als er ohnehin schon ist.

Doch es mangelt vielerorts an nötiger Transparenz. So werden etliche Inhalte des von den Bürgern finanzierten Rundfunks von privaten Produktionsfirmen erstellt, die mitunter auch direkt den Moderatoren der Sendungen gehören, wie im Falle von Günther Jauch. Wie viel Fernsehstars verdienen ist meist geheim, Einblicke in Kostenstrukturen gibt es nur eingeschränkt, was Seliger zurecht anprangert.

Der Quoten-Terror

Wesentlichen Einfluss auf Programmstruktur und Inhalte hat die so genannte „Einschaltquote“. Dabei handelt es sich um keine feste Größe, sondern der Fernsehkonsum von lediglich rund 5.600 Haushalten wird ausgewertet und dann hochgerechnet. Auch Seliger weist in seinem Buch darauf hin. Je größer der Marktanteil der Fernsehsender, umso teurer sind Werbezeiten. Daher gilt es stets, möglichst viele Zuschauer zu erreichen, auch wenn es eine Form von Selbstbetrug ist, die Einschaltquote als feste Größe zu akzeptieren. Theoretisch können alle anderen Haushalte ein anderes Programm verfolgt oder ihren Fernseher aus Frust schon aus dem Fenster geworfen haben.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat den Auftrag, alle relevanten gesellschaftlichen Aspekte abzubilden und neben Unterhaltung auch für kulturelle Inhalte zu sorgen – und dies unabhängig der Einschaltquote. Dennoch übt auch sie auf die Fernsehverantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Sender Rechtfertigungsdruck aus. Wie Seliger richtig darstellt, steht daher der Einkauf von sportlichen Großereignissen hoch im Kurs; koste es was es wolle. Die Angebote der privaten Fernsehsender können dank Gebühren und zusätzlichen Werbeeinnahmen stets überboten werden. Was im Umkehrschluss heißt, dass die gleichen Ereignisse auch kostengünstiger übertragen werden könnten.

Heilbringer Youtube, Netflix & Co?

Laut Seliger ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen komplett überholt, kostenlose Inhalte gäbe es im Internet beispielsweise bei Youtube zuhauf. Wie allerdings umfangreiche Recherchen finanziert werden sollen, verrät der Autor nicht. Zudem geht er mit keinem Wort darauf ein, dass sich einige Youtube-Stars mit (verdeckter) Werbung finanzieren. Nur weil Inhalte im Internet verbreitet sind, müssen sie nicht „alternativ“ oder wahr sein.

„Die Hoheit über den Zeitplan der Kunden, die das Ganze finanzieren, haben ausschließlich die Fernsehverantwortlichen. Ein diktatorisches System, das die modernen technischen Möglichkeiten aus Machtgründen ignoriert.“ Seliger scheint noch nicht die Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender entdeckt zu haben, die Beiträge wie gesetzlich vorgeschrieben zeitlich begrenzt zum kostenfreien Ansehen bereit halten. Auch den Livestream der Sender scheint er auf den Internetseiten noch nicht gefunden zu haben. Ebenso scheint ihm unbekannt zu sein, dass Nutzer auf Youtube etliche öffentlich-rechtliche Sendungen und Dokumentationen hochgeladen haben, was Fernsehverantwortliche oft stillschweigend dulden.

Zudem schreibe Netflix nicht das Empfangsgerät vor, was allerdings auch die Fernsehsender nicht tun: Ob per Laptop oder Smartphone haben Zuschauer Zugriff auf Livestream und Mediatheken. Mit diesem Kritikpunkt stellt sich Seliger ins technische Abseits.

Öffentlich-rechtliches Fernsehen reformierbar?

Es ist richtig und wichtig, dass öffentlich-rechtliche Rundfunksystem und dessen Inhalte zu hinterfragen. Seliger begeht leider den Fehler, das Kind mit dem Bade auszuschütten. In seinen Augen ist das System nicht reformierbar.

Seliger hätte in „I have a stream“ besser auf das Zementieren von Feindbildern und Beleidigungen verzichtet. Scheinbar hat sein tief sitzender Frust die Feder in die Hand genommen. Nur hin und wieder gelingt es dem Autor, durch geschickte Fragen und gut recherchierte Fakten seine Leser zum Nachdenken zu motivieren. Jedoch gibt er in den meisten Passagen seine vorgefertigte Meinung kund, was er nicht bei sich, aber beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen als Propaganda kritisiert.

In einem Interview mit der Jungen Welt wurde Seliger gefragt, ob seine Fundamentalkritik der Grund sei, dass sein Buch in den Medien kaum rezensiert würde. „Wahrscheinlich. Der Mainstreamjournalismus möchte dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht wehtun. (…) Das Verschweigen ist die schärfste Waffe der hiesigen Medien, und verschwiegen wird alles, was das System grundsätzlich in Frage stellt“, war seine Antwort. Möglich wäre auch, dass sich Seliger mit den etlichen Pauschalurteilen und offenen Beleidigungen selber ein Bein gestellt hat, denn Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist immer wieder Bestandteil der Berichterstattung.

Seliger hätte mit seinem Buch eine deutlich größere Leserzahl erreichen können, aber die Chance hat er durch seinen Schreibstil leider vertan. Wer sich allerdings durch den in den meisten Abschnitten präsenten Dauerfrust des Autors kämpfen, dessen Ansichten hinterfragen und über Beleidigungen hinwegsehen kann, findet auch informative Abschnitte und durchaus berechtigte Kritikpunkte am öffentlich-rechtlichen Fernsehen – denn zu verbessern gibt es dort noch einiges.