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Pressefreiheit? Doch nicht bei mir!

Werde ich in letzter Zeit nach meinem Beruf gefragt, verziehe ich immer häufiger gequält das Gesicht und möchte am liebsten gar nicht antworten. Murmele ich dann „Journalist“, dauert es nur wenige Sekunden, bevor es losgeht: „Aber in Deutschland gibt es überhaupt keine Pressefreiheit, alles ist gelogen und alle schreiben das Gleiche.“ Ehe ich es mich versehe, stecke ich wieder einmal in einer Diskussion, die mich an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ erinnert. So paradox es klingt: Einige Forderer einer freien Presse beschweren sich (lautstark), wenn Medien tatsächlich frei berichten. In vielen Punkten sind die Vorwürfe daher scheinheilig.

Eins vorweg: Kritische Stimmen zu der Arbeit von Medien sind nicht nur berechtigt, sondern es ist wichtig, auf Missstände öffentlich hinzuweisen. Wie man jedoch so schön sagt, muss man auch das Echo vertragen können.

Ja, die Presse lügt.

Die viel gescholtene Lügenpresse gibt es. So verbreiten beispielsweise Radiosender bewusst Unwahrheiten, um mehr Aufmerksamkeit zu erregen, wie Sandra Müller von der Initiative „fair radio“ [1] verriet. Natürlich ist es für Verlage verlockend, Anzeigenkunden ein attraktives Werbeumfeld zu bieten. Recherchen kosten neben Zeit vor allem auch Geld und so greift man öfter auf bereits formulierte Pressemitteilungen zurück. Auch haben es Themen abseits des Mainstreams schwer, wie auch von Dr. Tobias Eberwein, Geschäftsführer der Initiative Nachrichtenaufklärung [2], zu erfahren ist. Allerdings sollte man nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, denn ausgewogene Berichterstattung gibt es ebenso, wie auch herausragende Medienprojekte. Einige von ihnen stelle ich regelmäßig in meinem Medienblog vor.

Eines ist allerdings paradox: Mitunter sind gerade diejenigen, die (öffentlich) eine freie Presse fordern, die ersten, die sich bei freier Berichterstattung beschweren. Hier zwei Beispiele aus meinem Arbeitsalltag, die sich so oder so ähnlich täglich auch bei meinen Kollegen bundesweit abspielen.

Einmal Schleichwerbung, aber zackig!

„Ihr letzter Beitrag ist bei unserer Geschäftsleitung gar nicht gut angekommen“, sagte mir ein Pressesprecher am Telefon. Was war passiert? Bei meinem Beitrag hatte ich mich an den zeitlichen Ablauf der Ereignisse orientiert, alle Fakten genannt und alle Beteiligten zu Wort kommen lassen und keinerlei persönliche Wertungen einfließen lassen. So weit, so korrekt. Allerdings hatte ich bei einem Unternehmen einen Teil der im schönsten Marketing- und PR-Sprech formulierten schriftlichen Antwort à la „unsere Produkte sind ganz toll, wir sind ganz toll, wir achten ganz toll auf Qualität“ nicht veröffentlicht. Und eben das hätte doch bitte ganz zum Schluss noch einmal deutlich gemacht werden müssen. Meinte zumindest der Pressesprecher.

Werbebotschaften haben allerdings im redaktionellen Teil nichts verloren und gehören – wie der Name schon ahnen lässt – in den Werbeblock. Hier ist auch der Pressekodex bei Ziffer 7 „Trennung von Werbung und Redaktion“ eindeutig:

Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken. Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein. Pressekodex [3]

Die Wahrheit wollen wir nicht!

Für ein bundesweites Magazin besuchte ich eine regelmäßig stattfindende Veranstaltung einer Organisation aus meiner Region, um darüber zu berichten. Damit alles wie immer abläuft, hatte ich mich zuvor nicht angemeldet. Als ich vor Ort eintraf, stellte ich mich bei dem Verantwortlichen vor, überreichte meine Visitenkarte und erklärte mein Anliegen.

Meine Fotoauswahl wollte ich abstimmen, um sicherzugehen, dass alle abgebildeten Personen mit einer Veröffentlichung einverstanden sind. Hier kam es zu einem Missverständnis, denn der Verantwortliche dachte, er könne auch den Text vorher einsehen. Dies forderte er dann auch gleich am nächsten Tag schriftlich ein. Ich erklärte zunächst schriftlich und danach telefonisch, dass dies unüblich ist, da die Presse frei berichte – was von meinem Gesprächspartner durchaus begrüßt wurde. Dennoch blieb er bei seiner Forderung.

In Absprache mit der Redaktion schickte ich schließlich den Text. Die Antwort: Der Bericht dürfe nicht veröffentlicht werden, da er weder neutral noch zutreffend sei. Tatsächlich gibt es im Bericht keinerlei Wertung, alleine das von mir Beobachtete gab ich wieder. Auf meine Rückfrage was unzutreffend sei, konnte man mir keine Antwort geben, denn: Die Fakten stimmen. Allerdings war man nicht damit einverstanden, dass die Öffentlichkeit davon erfährt – man wolle eben Diskussionen vermeiden. Auch meinem Hinweis, dass eben diese Diskussionen zum demokratischen Grundverständnis gehören und gerade Medien dazu anregen sollen, wurde voll zugestimmt. Dennoch gibt es für den Bericht keine Freigabe, dafür aber durch die Blumen einen Hinweis auf rechtliche Konsequenzen bei Zuwiderhandlung. Nun liegt es an meinem Auftraggeber zu entscheiden.

Pressefreiheit zulassen

In der Medienwelt liegt vieles im Argen und sie könnte auch öfter vor der eigenen Haustür kehren. Wer allerdings eine freie Presse fordert, muss auch mit einer freien Presse leben können. Wenn ich einem Journalisten vorschreibe, wie er über etwas zu berichten hat, ist dies das Gegenteil von frei. Das nennt man Beeinflussung. Eben das, was man den Medien ankreidet, schließlich lasse sie sich zu leicht beeinflussen. Daher sind bewegen sich einige mit mir geführten Diskussionen schon fast auf der Ebene der Satire.

Kritik und andere Meinungen muss derjenige zulassen, der sich Pressefreiheit wünscht. Wer „a“ sagt, muss eben auch „b“ sagen – dann darf man gerne mit Journalisten über die freie Presse debattieren.