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Lohas: Kleine Schritte mit großer Wirkung

Die Menschheit ist mit zahlreichen, scheinbar unlösbaren Umweltproblemen konfrontiert: Über Jahrtausende strahlender atomarer Abfall, sich in der Natur ausbreitende Gentechnik, der Ressourcenhunger des grenzenlosen wirtschaftlichen Wachstumswahns, aus Profitgier vernichtete Regenwälder und vielem mehr. Woran manche verzweifeln, daraus schöpfen andere wiederum Motivation und Kraft, im Rahmen ihrer persönlichen Möglichkeiten die Welt nachhaltig zu verändern.

Schluss mit Plastik

Im Spätsommer 2009 verbringt Sandra Krautwaschl aus Eisbach bei Graz ihren Familienurlaub in Kroatien. Im Meer treibt jede Menge Plastikmüll, der täglich an den Strand gespült wird. Wenige Monate später schaut sich die 39-jährige Physiotherapeutin den Dokumentarfilm Plastic Planet von Werner Boote im Kino an. Sie ist geschockt: „Wir verschleudern wertvolle Ressourcen, nur um sie anschließend als Müll weg zu werfen. Das Ausmaß ist unglaublich. Zudem dachte ich, von Plastik gehe keinerlei Gesundheitsgefahren aus. Heute sehe ich das anders, besonders bei Kinderspielsachen und mit Kunststoff verpackten Lebensmitteln“, sagt die Mutter dreier Kinder. Als Laie könne man nur schwer nachvollziehen, wie sich die unterschiedlichen Chemikalien auf die körperliche Gesundheit auswirken.

Innerhalb der fünfköpfigen Familie entbrennt eine lebhafte Diskussion mit dem Entschluss, für einen Monat keine Produkte des täglichen Bedarfs aus Plastik zu kaufen oder solche, die darin verpackt sind. „Am liebsten kaufe ich Bioprodukte, doch gerade diese sind leider oft in Plastik verpackt, wobei ich etliche konventionelle Produkte gefunden habe, die darauf verzichten.“ Anscheinend hat die Biobranche in diesem Bereich noch Nachholbedarf. Wenn Sandra Krautwaschl einkaufen geht, ist sie leicht zu entdecken: Sie ist diejenige, die lose Ware in ihre mitgebrachten plastikfreien Behälter abfüllt. Einige Lebensmittel wie Reis oder Müsli können in manchen Läden lose gekauft und in eigene Behältnisse gefüllt werden. Zahnbürsten gibt es aus Holz mit Naturborsten, statt Shampoo ist Haarseife oder Wascherde eine Alternative, Getränke gibt es in Glasflaschen – die Liste ließe sich durchaus fortsetzen.

Plastikfreie Zone

Im Sommer 2012 veröffentlichte Sandra Krautwaschel ihr Buch „Plastikfreie Zone“.

Manchmal ist es jedoch vonnöten, auf die Suche zu gehen. Dennoch möchte kein Familienmitglied von Anstrengung oder gar Verzicht sprechen. „In erster Linie ging es darum, die Begeisterung zu erhalten und auch unsere drei Kinder zu motivieren. Daher sind wir das Experiment locker und mit Freude angegangen. Schließlich ändern sich Gewohnheiten dann nachhaltig, wenn Lösungen auch auf Dauer funktionieren können“, meint die umweltbewusste Mutter. „Der Spaß bleibt auf der Strecke, wenn man sich selbst in Geiselhaft nimmt und alles rigoros regelt. Zudem geht es uns nicht darum alle Menschen zu bekehren, sondern wir bleiben bei uns und kümmern uns um die Angelegenheiten, die wir beeinflussen können.“ Als der Kontakt mit Regisseur Werner Boote Kontakt zustande kommt, entsteht ihr Blog keinheimfuerplastik.at. Das einmonatige Experiment dauert bis heute an und ist längst zu einer neuen Lebenseinstellung geworden.

Weniger ist mehr

Philipp Steinweber aus Rodgau ist freiberuflicher Mediengestalter und Webdesigner. Der Mittzwanziger ist Veganer, praktiziert regelmäßig Yoga, genießt Gemüse aus dem eigenen Garten und repariert lieber seinen gebrauchten MP3-Player anstatt sich im nächsten Elektroladen ein neues Gerät zu kaufen.

Eines seiner zahlreichen Schlüsselerlebnisse sein Leben nachhaltig zu prägen war die Erkenntnis, einem Computer die unmöglichsten Ergebnisse zu entlocken, dafür aber unfähig zu sein die eigenen Lebensmittel anzubauen. Philipp hat sich zusammen mit seiner Freundin Mirjam Müller dazu entschlossen, das eigene Leben weitgehend zu vereinfachen. Die beiden jungen Menschen glauben dem Marketing kein Wort, welches ihnen einreden möchten, sie bräuchten alle möglichen Produkte und stets das Neuste vom Neuen um glücklich zu sein. Dennoch spricht keiner der beiden von Verzicht oder Mangel. „Unseren Lebensstil empfinden wir als Gewinn, da wir uns erlauben, unser Bewusstsein und unsere Gedanken im Alltag zu leben. Kunden von Discountern beispielsweise müssen bewusst oder unterbewusst eine Art Schutzwall errichten, um nicht darüber nachzudenken, unter welchen Bedingungen die dort angebotenen Produkte mitunter hergestellt wurden oder welcher Preisdruck auf die Lieferanten ausgeübt wird. Wir gestatten uns, die Realität wahrzunehmen und mit Freude selbstbestimmt zu handeln.“

Wenn das junge Paar einen Kauf tätigt, so muss das Produkt möglichst ökologisch hergestellt oder zumindest lange haltbar und möglichst reparaturfähig sein. Die Lebensphilosophie wirkte sich auch auf den Beruf aus: 2009 reiste Philipp für ein halbes Jahr durch Indien und hatte dadurch viel Zeit über sein Leben nachzudenken. Damals war er für die Automobilindustrie tätig, doch mit seinem Herzen war dies nicht länger vereinbar. Der innere Spagat zwischen eigener Lebensphilosophie und die des Unternehmens wurde immer anstrengender. Zudem sah der junge Mann die Gefahr, dass der ökologische Gewinn seiner Lebensweise verpufft, wenn er zeitgleich Werbung für Spritschleudern entwirft. Im Frühjahr 2010 fiel der endgültige Entschluss, auch beruflich seinem Herzen zu folgen. Zusammen mit seiner Freundin betreibt er seitdem ein kreatives und auch idealistisches Ideenbüro. Statt Kampagnen für sinnlosen Konsum zu entwerfen, entstehen Internetseiten, Informationsmaterial und Ideen für Unternehmen aus der Bio-Branche und gemeinnützigen Organisationen. „Wir möchten uns privat wie beruflich mit Menschen umgeben, mit denen wir am gleichen Strang ziehen können.“

Da die beiden kein Geld brauchen, um in ihren Augen überflüssige Anschaffungen zu tätigen, müssen sie im Umkehrschluss viel weniger erwirtschaften. Zudem sind die beiden überrascht, wie viel Gemüse ihr vergleichsweise kleiner Garten hervorbringt und damit zusätzlich den Geldbeutel schont. Somit bleibt den beiden viel Zeit für sich und ihre spirituelle Entwicklung.

Jeder Kaufentscheidung setzt einen Impuls

Die Einkaufsrevolution

Mit diesem Buch öffnete mir Tanja Busse die Augen.

Mein persönlicher Startschuss für einen nachhaltigen Lebensstil war 2006 die Lektüre des Buchs „Die Einkaufsrevolution – Konsumenten entdecken ihre Macht“ von Tanja Busse. Ich entdeckte, wie mein Kaufverhalten das Warenangebot beeinflusste und förderte ab diesem Zeitpunkt bewusst ökologisch hergestellte Produkte.

Es folgten im Laufe der nächsten Jahre der Wechsel zu einer ganzheitlich orientierten Krankenkasse, der Bezug von Ökostrom und Girokonten bei sozialökologischen Banken. Seit April 2011 mache ich bei Lebensmittel keine Kompromisse, denn sie stammen alle aus biologischem Anbau. Ich trenne meinen Müll und vermeide ihn so gut es geht. Einkäufe erledige ich meist zu Fuß mit dem Rucksack auf dem Rücken – mittlerweile ein Markenzeichen von mir. Wenn ich etwas kaufe, überlege ich vorher, ob ich es wirklich benötige. Wenn ja, wird es ökologisch produziert, kann ich es zumindest gebraucht erstehen oder gar gegen etwas eintauschen? Das spart nicht nur Geld, sondern vor allem wertvolle Rohstoffe.

In meinem Heimbüro verwende ich vorzugsweise Recyclingpapier (welches ich beidseitig nutze) und auf meinem Schreibtisch steht eine Stiftebox aus Holz. Dennoch muss ich wie Philipp täglich Kompromisse eingehen: Computer und Telefone werden noch nicht nachhaltig hergestellt. Sie bestehen aus Kunststoffen, werden unter teilweise menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen vorzugsweise in China gefertigt, sind darauf ausgelegt möglichst schnell zu veralten das Recycling ist aufwendig. Reparaturen sind schwer und lohnen sich kaum. Die Hersteller wünschen den Kauf von Neuprodukten, damit die Schornsteine rauchen und die Fließbänder laufen können. Der Ressourcenhunger der IT-Industrie ist gewaltig und er produziert große Mengen an Abfall. Manch einer hält meine Lebensweise für anstrengend, da ich mir Gedanken über meinen Platz in der Welt mache und mir die Auswirkungen meines Lebensstils vor Augen führe. Ich empfinde es als Gewinn in Zusammenhängen zu denken und durch mein äußeres Handeln ein harmonisches Bild zu ergeben.

Jeder für sich und dennoch vereint

So unterschiedlich die Lebenswege der drei genannten Beispiele sind, so gibt es viele Gemeinsamkeiten. Soziologen bringen Menschen, die einen individuellen nachhaltigen Lebensstil an den Tag legen, mit dem Begriff Lohas unter einen Hut. Das Akronym steht für „Lifestyles of Health and Substainability“ und wurde vom amerikanischen Soziologen Paul Ray in seinem Buch „The Cultural Creatives: How 50 Million Are Changing The World“ erwähnt, welches 2000 erschienen ist.

Christoph Harrach

Christoph Harrach glaubt an die Veränderung in kleinen Schritten.
Bild: Jens Brehl – CC BY-NC-ND 3.0 [1]

Böse Zungen behaupten, es handelt sich um einen kurzfristigen Modetrend oder das Produkt von findigen Werbefachleuten. „Wir reden nicht von einem künstlichen Marketing-Trend, sondern von einer realen gesellschaftlichen Bewegung mit vielen unterschiedlichen Anhängern“, stellt Christoph Harrach, Gründer des Blogs KarmaKonsum [2] und Initiator der jährlich stattfindenden KarmaKonsum Konferenz klar. „Den typischen Lohas gibt es nicht. Er tritt keiner bestimmten Organisation bei und trägt auch kein spezielles Erkennungszeichen. Es sind Menschen, die sich fragen, wie sie ihr Leben selbstbestimmt gestalten, welche Werte ihnen wirklich wichtig sind.“ Man könne bei vielen eine Art „Verdichtungsprozess“ erkennen. Es fange zaghaft beispielsweise beim Wechsel zu einem Ökostromproduzenten an, doch schon bald würde man immer konsequenter werden. „Ich glaube an die Veränderung in kleinen Schritten, und dass sich das Bewusstsein der Menschen im Laufe der Zeit verfeinert, je mehr sie sich mit dem Themenfeld der Nachhaltigkeit beschäftigen“.

Harrach weiß wovon er spricht, denn seine ersten Biolebensmittel kaufte er 1999 noch beim Discounter. Der Impuls sein Leben nachhaltiger zu gestalten kam durch seine Ausbildung zum Yogalehrer. Spiritualität spielt bei den Lohas oft eine große Rolle – meist fernab von Religion und deren Dogmen. Ab einem gewissen Punkt harmonisieren sich Inneres Fühlen und Denken automatisch mit dem äußeren Handeln und umgekehrt. Manch einer findet durch innere Einkehr seine neue Lebensweise, wie etwa Christoph Harrach, der mit seiner heutigen Tätigkeit viele Menschen inspiriert und miteinander vernetzt. Denn KarmaKonsum ist längst mehr als „nur“ ein Blog, sondern ein stetig wachsendes Netzwerk. Bei mir war es entgegengesetzt: Erst als mir bewusst wurde, welche Konsequenten mein Handeln hat und wie ich damit gezielt „die Welt verbessern“ kann, fand ich schrittweise den Zugang zu inneren Qualitäten. Sobald jemand beginnt, sich für die Umwelt und die Natur zu interessieren, kommt er in Kontakt mit der Schöpfung. Letztlich strebt diese in die Einheit. Daher auch die verbindende Denkweise der meisten Lohas: Sie leben Genuss und Gesundheit, Ethik und Vergnügen, das eigene Ich und die Gemeinschaft, bewusster Verzicht und Gewinn. Statt „entweder-oder“ heißt die Devise „sowohl-als-auch“.

Ich kaufe, also bestimme ich

Die Rechnung der Lohas ist dermaßen simpel, dass eben diese Tatsache häufig kritisiert wird: Jedes wirtschaftliche Unternehmen produziert Güter oder stellt Dienste bereit, für die es jeweils Käufer und Nutzer gibt. Werden im Supermarkt vermehrt Biolebensmittel gekauft, wird der Betreiber das Sortiment entsprechend umstellen und Landwirte haben aufgrund der höheren Nachfrage einen größeren Anreiz Lebensmittel ökologisch zu erzeugen. Gleiches Spiel bei der Energiewende: Je mehr Kunden sich für Ökostrom entscheiden, umso schneller wird der Ausbau der Erneuerbaren Energie erfolgen. Alle Atomkraftwerke werden endgültig abgeschaltet, sobald sich keine Käufer für den dort erzeugten Strom mehr finden lassen.

Böse Zungen halten diese Denkweise für naiv, monieren den Sündenfall der Öko-Bewegung durch das Eindringen von Konsumdenken oder werfen den Lohas vor, sie wollten sich von ihrem schlechten Gewissen freikaufen. Welche Motive letztendlich hinter dem persönliche Konsumverhalten stehen, ist laut Harrach zweitrangig. Ob der Kunde glaubt, das Produkt sei gesünder für ihn, er die Welt mit seiner Kaufentscheidung verändern möchte oder er meint einem Öko-Trend folgen zu müssen ist nahezu irrelevant. Dem Kaffeebauern sei es schließlich egal, aus welchen Gründen sein biologisch angebauter und fair gehandelter Kaffee gekauft wird. In diesem Punkt verweist Harrach gerne auf ein Zitat von Abraham Lincoln: „When I do good, I feel good. When I do bad, I feel bad. That’s my religion.“ Daher sei allen Menschen das gute Gefühl gegönnt, etwas Sinnvolles gekauft zu haben und sich darüber zu freuen.

Philipp Steinweber und seine Freundin Mirjam Müller zählen sich zur Untergruppe der Lovos, was für „Lifestyle of Voluntary Simplicity“ steht. Sie werfen mit Freude unnötigen Ballast über Bord und versorgen sich im Rahmen der persönlichen Möglichkeiten selbst. „Die Sehnsucht der Menschen nach Einfachheit ist ein großes Thema. Entschleunigung, Entschlackung, selber machen und Postwachstum sind in meinen Augen die Themen der nächsten Stufe“, sagt Harrach.

Feindbild Großkonzerne

Großkonzerne sind rücksichtslos, gierig, korrupt und denken vor allem an ihren eigenen Profit. Damit verkörpern sie Eigenschaften, die wir persönlich nicht besitzen oder besser gesagt nicht wahrhaben möchten. Wir neigen dazu, unerwünschte Charakterzüge in den persönlichen Schatten zu drängen und sie im Außen zu bekämpfen, anstatt sie innerlich zu integrieren. Doch wer seine Schattenanteile auf seine Umwelt projiziert, der wendet dafür viel Energie auf und erschafft sich vor allem Feindbilder.

Großkonzerne und deren Manager sind neben Politiker gern gesehene Zielscheiben. Christoph Harrach berät Unternehmen bei deren Nachhaltigkeitsstrategie. Er ist sich sicher, dass auch Großkonzerne mit eingebunden werden müssen, wenn die ökologische Wende gelingen soll. „Dafür ist die Situation der Welt zu dramatisch und der Einfluss der Konzerne zu hoch.“ Er empfinde eine wohlwollende und offene Haltung, aber auch eine gewisse Skepsis. Konzerne bestünden jedoch aus Menschen, die sich in einer bestimmten Wirtschaftsweise und gewachsenen Strukturen befinden. Viele Systeme und Prozesse hätten früher einmal Sinn ergeben, heute würden sie dies nur noch bedingt oder eben gar nicht mehr tun.

Dennoch muss nachhaltiges Engagement glaubwürdig und vor allem ernst gemeint sein. Da scheint es manch einem Unternehmen einfacher und kostengünstiger, sich einen grünen Anstrich zu verpassen, anstatt das eigene Handeln tatsächlich nachhaltiger zu gestalten. Die Verantwortlichen des Fast-Food-Giganten Mc Donalds haben dies wohl zu wörtlich interpretiert, als sie 2009 die Hintergrundfarbe ihres Logos von rot auf grün änderten. Damals hieß es, der Farbwechsel sei auch als Bekenntnis und Respekt vor der Umwelt zu werten. Die Maßnahme ist wenig glaubwürdig, denn die Probleme liegen im Kerngeschäft: Massentierhaltung, Verpackungsmüll, gesundheitlich fragwürdige Nahrungsmittel.

Dennoch ist die umstrittene Maßnahme Gradmesser dafür, wie ernst selbst etablierte Großunternehmen die nachhaltigen Konsumenten nehmen. Immerhin änderte der Bulettenbrater sein Logo und damit das Erkennungszeichen einer Marke, die geschätzte 81 Milliarden US-Dollar wert ist (Stand 2011, siehe hier [3]). Denn die Lohas besitzen mittlerweile eine große Kraft die Märkte in ihrem Sinne zu beeinflussen – und den meisten von ihnen ist dies durchaus bewusst. Grüne Anstriche und Verbrauchertäuschungen haben es zunehmend schwerer zu bestehen. Dafür sind gerade die jungen Lohas zu gut über das Internet miteinander verbunden. Das Mitmach-Internet mit seinen Plattformen wie Youtube, Blogs, Diskussionsforen und den zahlreichen sozialen Netzwerken haben nicht nur die Lohas näher zusammenrücken lassen. Mit wenigen Mausklicks verbreitet sich eine Information rasend schnell. Klassische Medien wie Tageszeitung und Fernsehen verlieren bei einigen Lohas an Stellenwert. Die gesellschaftliche Bewegung ist skeptisch, hinterfragt viel und misstraut Werbebotschaften.

Daher ist nachhaltiges Engagement durchaus ein zweischneidiges Schwert für (konservative) Großunternehmen und Konzerne. Sie buhlen um die Gunst der Konsumenten und vor allem um Fachkräfte. Lohas sind eben nicht nur Kunden, sondern auch Mitarbeiter. Neben monetären Anreizen sind sie vermehrt an sinnstiftender Arbeit interessiert. Zudem sind sie bestens darüber informiert, wie sich ihre Tätigkeit auf die Umwelt und damit auf das Gemeinwohl auswirkt. Aus diesem Grund möchten sie mitunter auch am Arbeitsplatz einen ökologischen und sozialen Wandel anstoßen. „Menschen benötigen oft einen gewissen Zeitraum, bis sie ihre Gewohnheiten nachhaltig ändern. Unternehmen mit Hunderten oder gar Tausenden von Angestellten bewegen sind daher mitunter schwerfällig“, erklärt Harrach.

Es sei daher oftmals schwierig, zwischen reiner Werbemasche und ehrlich gemeinten Initiativen zu unterscheiden. Die Reaktion der Öffentlichkeit entscheidet maßgeblich mit, zu welchen ökologischen Maßnahmen Unternehmen bereit sind. Würde nach Harrach beispielsweise eine Biosupermarktkette auf den Dächern ihrer 60 Filialen Photovoltaikanlagen installieren, um Ökostrom zu produzieren, wären alle begeistert. Würde ein Discounter dies bei seinen 6.000 Filialen ebenfalls tun, könnte ihm vorgeworfen werden, sich ein ökologisches Image verpassen zu wollen. Der Initiator des Projekts würde sich folglich in Zukunft mehrfach überlegen, ob er weitere nachhaltige Schritte gehen möchte. Die vor Projektbeginn vielleicht skeptische Geschäftsleitung wäre im Nachhinein in ihrer Meinung, mit dem Öko-Kram nichts als Ärger zu haben, bestätigt.

Die Wiege der Nachhaltigkeit

Mit vielerlei Ärger, aber besonders mit großen Mühen waren die Biopioniere der ersten Stunde konfrontiert. Während nachhaltiges Verhalten heute gesellschaftlich anerkannt ist, wurden die „Ur-Ökos“ vielfach ausgegrenzt. Dabei sehnten sich die Vorfahren der Lohas ebenso nach gesunden Lebensmitteln, nachhaltigen Werten, echter (Lebens)Qualität, individuellem Freiraum und der Gemeinschaft. Einige der heute erfolgreichen Unternehmen aus der Bio-Branche wurden lange vor dem Bio-Boom ins Leben gerufen und deren Gründer häufig als „Spinner“ tituliert.

In der heutigen Zeit ist es relativ leicht, seinen Lebensstil nachhaltig auszurichten. Der Wechsel zu einem wahrhaftigen Ökostromanbieter ist denkbar einfach und Bioprodukte haben wie selbstverständlich Einzug in das Sortiment der Lebensmittelhändler gehalten. Zudem lassen sich viele Ökoprodukte wie Naturtextilien, Haushaltswaren und Kosmetik bequem im Internet bestellen. Bis es soweit war, mussten viele Pioniere Vorarbeit leisten.

Wie beispielsweise Joseph Wilhelm und Jennifer Vermeulen, die gemeinsam 1974 Rapunzel gründeten. Damals träumten die beiden davon nach Tasmanien auszuwandern, anstatt ein großes Unternehmen zu führen. Heute beschäftigt der Naturkosthersteller rund 300 Mitarbeiter und führt 450 Produkte. Dabei fing alles ganz harmlos mit einer Badewanne an. In ihr wurde das erste Müsli gemischt. Damals waren die Rohstoffe knapp, denn es gab so gut wie keinen Bioanbau. „Glücklicherweise habe ich Hindernisse immer als Herausforderungen verstanden, an denen ich wachsen kann“, resümiert Joseph Wilhelm. „Die Mühen und Entbehrungen aus der Anfangszeit sind uns nicht als solche erschienen, denn unsere Begeisterung überwog damals wie heute. Es ging uns nicht nur um das eigene Wohlbefinden, sondern um das Überleben der Erde, zu dem die Biolandwirtschaft einen wichtigen Beitrag leistet.“ Aus diesem Grund reiste Überzeugungstäter Wilhelm das erste Mal 1976 mit dem Rucksack durch die Türkei: Er wollte Landwirte davon überzeugen, auf biologischen Anbau umzustellen. Denn für seine Müslimischungen kamen nur ungeschwefelte und unbegaste Trockenfrüchte infrage.

Die Früchte seiner Mühen konnte Wilhelm ab 1983 ernten, als die ersten Landwirte seinem Ruf folgten und tatsächlich umstellten. Bald wurde für Wilhelm der Beruf zur Berufung. „Außerdem hat mich Rapunzel zu einem Weltbürger werden lassen, der zunehmend Dankbarkeit und Demut dem Leben gegenüber empfindet, weil es uns hierzulande so gut geht.“ Einen unmittelbaren Nachfrageschub seit dem Aufkommen der Lohas-Bewegung kann das Unternehmen nicht verzeichnen. Eher wachse das Interesse an natürlichen Produkten seit vielen Jahren kontinuierlich.

Doch auch politisch wurden die Weichen vor mehreren Jahrzehnten gestellt, denn Deutschland blickt auf eine lange Tradition der Umweltbewegung zurück. „Ich sehe mich als die nächste Generation. Ich habe größten Respekt davor, was Aktivisten in den 70iger und 80iger Jahren bewirkt haben. Ihnen haben wir zu verdanken, wo wir heute stehen.“, meint Harrach.

Und wo stehen Sie?

Zum Glück muss niemand im Alleingang unseren Planeten retten, denn jede noch so kleine Veränderung im persönlichen Alltag kann viel bewegen. Ein mitreißender Fluss besteht immerhin auch aus unzähligen kleinen Tropfen Wasser. Jeder ist eingeladen die „Errungenschaften“ unserer Überflussgesellschaft kritisch zu hinterfragen und persönliche Konsequenzen daraus zu ziehen. Wie die einzelnen Schritte auch aussehen mögen, sie müssen vor allem Freude bereiten. Vielleicht möchten Sie öfter das Auto stehen lassen und sich dafür auf das Fahrrad schwingen, zu einem Ökostromanbieter wechseln oder sich die Zeit nehmen und sich Gedanken machen, wo ihre Hausbank das ihr anvertraute Geld investiert. Eventuell möchten Sie im eigenen Garten wieder Gemüse anpflanzen und sich im wahrsten Sinne des Wortes an den Früchten der Natur erfreuen. Ob Sie sich selber zu der Gruppe der Lohas zählen oder nicht, ist dafür irrelevant. Frei nach Gandhi: Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.

Dieser Artikel ist erstmals im Magazin raum & zeit Ausgabe 177/2012 erschienen und kann beim Verlag als PDF erworben werden.