Hinter den Kulissen der heilen Bio-Welt

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Es zählen alleinig die Schönheitsideale der Händler, die nichts über die Qualität der Lebensmittel aussagen. Auch später im Handel können Bioprodukte im dem Müll landen, weil sie sich nicht schnell genug verkaufen, das Mindesthaltbarkeitsdatum bald erreicht ist, die Bananen braune Flecken aufweisen und / oder die Lager überfüllt sind. Zudem ist es beispielsweise eine ökologische Katastrophe Bio-Kartoffeln aus Ägypten zu importieren, denn der Einsatz von knappem Trinkwasser ist deutlich höher als hierzulande.

Zudem müssen die Erdäpfel dann noch Tausende von Kilometer transportiert werden, bevor sie im Verkaufsregal liegen. In diesem Sinne herrschen die gleichen Strukturen wie im konventionellen Handel. „Lebensmittelhandel ist Krieg“, sagte mir eine Marketing-Verantwortliche einer Handelskette während einer Veranstaltung. Was zählt sind die billigsten Preise und Marktanteile. „Auch wenn mittlerweile etliche Bioprodukte in jedem Supermarkt zu finden sind, ist Bio im Lebensmitteleinzelhandel keine echte Erfolgsgeschichte“, sagt Joseph Wilhelm, Mitgründer und Mitgeschäftsführer des Naturkostherstellers Rapunzel. „In den letzten Jahrzehnten mussten viele Landwirte und Biolebensmittelhersteller Lehrgeld bezahlen, denn der Preisdruck der Supermärkte wirkt sich langfristig auf die Produkt- und Anbauqualität aus.“

Der Lebensmitteleinzelhandel sei es darüber hinaus nicht gewohnt, sich aktiv für Produkte einzusetzen und es fehle vielerorts die eigene Überzeugung. „Die stellen halt Irgendetwas in die Läden und der billigste Preis ist die Messlatte. Oftmals betreiben Supermärkte auch reine Imagepflege, wenn sie Bioprodukte ins Sortiment aufnehmen“, führt Wilhelm weiter aus. Auch der Fachhandel müsse den Fehler vermeiden zu glauben, er könne schneller wachsen, wenn er billigere Ware anbieten würde. Es ist demnach kein Wunder, dass Bio zwar in aller Munde ist, aber so mancher Landwirt wenig davon hat.

Das Designer-Huhn beim Bio-Bauer

Der Zuchtmarkt für Geflügel ist überschaubar, da eine handvoll multinationaler Konzerne den Ton angeben. Das Ergebnis ist makaber: Durch wiederholte künstliche Selbstbefruchtung werden Inzuchtlinien gezüchtet, die später miteinander gekreuzt werden. Auf diese Weise können bestimmte Merkmale verstärkt werden: Legehennen produzieren mehr Eier, Mastgeflügel setzt schneller Fleisch an. Doch bereits in der nächsten Generationen verlieren die Tiere diese Eigenschaften und es zeigt sich, wie genetisch degeneriert sie sind. Da nur der Konzern das Geflügel „herstellen“ kann, müssen Landwirte ständig nachkaufen. Neben dieser Abhängigkeit gibt es weitere gravierende Nachteile: Früher wurden Nutztierrassen auf den Bauernhöfen gepflegt und weiterentwickelt, so dass sie sich an lokale klimatische Gegebenheiten anpassen konnten, wie es seit tausenden von Jahren landwirtschaftliche Tradition war. Beim Designer-Geflügel ist die Evolution dauerhaft unterbrochen worden, es entstehen immer die gleichen „Klone“.

Für die Ernährungssicherheit ist dies ein großes Risiko. Zudem sind die Turbotiere auf industrielles Futter angepasst, sprich bei Bio-Futter leiden sie mitunter unter Nährstoffmangel. Unter dem EU-Bio-Siegel dürfen fünf Prozent industrielles Futter untergemischt werden, aber das kann keine Lösung im Sinne einer ökologischen Wende sein. Weiterhin werden bei den Legehennen die männlichen Küken am Tag ihrer Geburt getötet, denn sie sind nutzloser Abfall. Sie legen keine Eier und sind auch nicht für die Turbomast geeignet.

Die Würde des Tieres ist nicht überall in der biologischen Landwirtschaft zu finden: 3.000 Legehennen „leben“ unter dem EU-Bio-Siegel in einem Stall, wobei es durchaus häufig vorkommt, dass der Auslauf ungenutzt bleibt. Durch die zu große Gruppe finden die Tiere nicht zu ihrem natürlichen Sozialverhalten. Es fehlt die so genannte „Hackordnung“ und die Kommunikation unter den Tieren ist wegen des ständigen Lärms unmöglich. In diesen Fällen herrscht permanenter Stress. So nutzen nur etwa zehn Prozent den Auslauf, mit dem die Bio-Branche gerne wirbt. Die wenigen Tiere, die sich ins Freie begeben, halten sich oft dicht am Stall auf. In der Natur suchen Hühner den Schutz vor Greifvögel unter Hecken, Sträuchern und Bäumen. Ein offenes Gelände betreten sie nicht, egal wie groß es ist. Auslauf als Marketing-Gag? Sind solche Zustände artgerecht?

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Kategorie: die Freigeber Story

14 Kommentare

  1. Vieles kaufe ich direkt bei ALDI SÜD. Warum? Für mein Gusto akzeptables Preis-/Leistungsverhältnis. Immer mehr fällt mir seit gut einem Jahr auf, dass ALDI SÜD die MARKE „BIO“ in den Markt bringt. Bei genauerem hinsehen kann man gut erkennen, dass es wirklich nur eine Marke ist. BIO als „EYE-CATCHER“ und die Manipulation des Gehirns mit dem Begriff BIO. Z. B. im späten Sommer dieses Jahres die ersten BIO-Frühkartoffen bei Aldi. Bei genauerem Hinsehen, Ursprungsland Ägypten. Das soll BIO und vielleicht auch noch nachhaltig sein? Ganz bestimmt nicht! Der österreichische Ableger von Aldi, HOFER, macht es besser. Haben eine MARKE „ZURÜCK ZUM URSPRUNG“ und man kann tatsächlich bis zum Erzeuger rückverfolgen. Ist zwar kein Bio, aber wenigstens „nachhaltige Produkte aus dem eigenen Land“.
    Der BIO-Begriff wie wir ihn eigentlich verstehen stollten, nachhaltig, genfrei und mit der Natur vereinbar, scheint in unserem „globalen EU-Denken“ nicht möglich zu sein.

    Eine jüngste Erkenntnis während dem Italienurlaubs war es für mich zu sehen, dass in Italien die Tomaten aus Spanien kommen und die Frischmilch aus Bayern. Lasst uns doch als Verbraucher viel mehr die REGIONALITÄT leben! Vorort einen Erzeuger suchen und Produkte direkt beziehen!

  2. Bio-Produkte bei einem Discounter wie Aldi zu kaufen ist in etwa so nachhaltig wie mit der Panzerfaust den Garten umzugraben…
    http://konsumpf.de/?p=2353
    http://konsumpf.de/?p=2766

    Danke auf jeden Fall für den interessanten Artikel – dass unter dem Begriff „Bio“ inzwischen auch die gleichen Mechanismen Einzug gehalten haben wie bei den „normalen“ Supermärkten etc. ist leider nicht zu übersehen. Die Marken und Hersteller, denen tatsächlich an Nachhaltigkeit liegt und die darin nicht nur einen lukrativen neuen Markt sehen, dürften mittlerweile in der Minderzahl sein.

  3. Die beiden Links sind eine tolle Ergänzung zum Artikel. Super !

    Vielleicht nochmal eine Frage die man erörtern könnte!? Sollten man nicht auch der Öffentlichkeit, dem Konsumenten gegenüber differenzieren zwischen BIO und NACHHALTIGKEIT und vielleicht dem Thema REGIONALITÄT?
    Ich glaube, wir Konsumenten gehen hier den klassisch eingeprägten MARKENweg und überlegen überhaupt nicht was „echt“ wichtig wäre!

  4. Das stimmt sicherlich – „Bio“ ist zwar meist weniger schädlich für die Umwelt und manchmal gesünder, aber nicht unbedingt immer nachhaltig. Denn wenn man Bioprodukte aus der halben Welt einfliegen lässt, ist das nicht so wirklich sinnvoll. Leider wird der Biobedarf für Deutschland inzwischen nicht mehr nur durch deutsche, also regionale Strukturen gedeckt, sondern es muss aus der ganzen Welt Bio herangeschafft werden (u.a. auch, weil Biobauern es hierzulande schwer haben, entsprechende Förderung zu erhalten oder gar wirklich nachhaltig, d.h. kleinräumig zu produzieren).

    Die Strukturen von Massenproduktion etc. haben auch auf dem Biobereich Einzug gehalten – verstärkt durch das verwässerte EU-Bio-Siegel. Wenn Aldi & Co. nun verstärkt Bio anbieten, führt das dazu, dass entsprechender Preisdruck auch den Biobereich dominiert und sich, so ist zu befürchten, der Mechanismus der „normalen“ Produktion mit Lohndumping, Ausbeutung usw. sich auch hier breit macht. Leider gibt es hier wohl keine so einfache Lösung, da die Menschen halt alles möglichst billig haben wollen (ohne die langfristigen Folgen zu bedenken).

  5. Lieber Peter,
    noch vor kurzem differenzierte man nach KLASSISCHE Produkte und den „echten“ Gedanken BIO / BIO-Produkte. Wie Sie sagen, weicht der Begriff BIO immer mehr vom ökologischen Grundgedanken ab und wird als strategische Verkaufwaffe missbraucht.
    Wäre es als Verbraucher aus ökologisch-ökonomischer Sicht dann nicht besser eher über NACHHALTIGE und REGIONALE Produkte nachzudenken bzw. zu entscheiden? Auch wenn das den BIO-Grundgedanken aufweicht?
    LG Thomas

  6. Von wegen ‚Nachhaltigkeit‘:
    Meine Frau betreibt ein Reformhaus, das dort verkaufte Bio-Getreide wird nur 10km weit entfernt angebaut. Mehr Regionalität und Nachahltigkeit geht nicht!? Dummerweise: Bezogen wird das Getreide über einen Großhändler, der 200km entfernt ist. Andererseits: Der Großhändler kommt sowieso mehrmals wöchentlich angefahren, das Getreide müsste, um den Umweg zu vermeiden, extra geliefert werden.

    Quintessenz: Nachhaltigkeit und Regionalität sind 2 weitere lustige Marketingstrategien, sonst nix.

    Tschö
    Ralf

  7. Wenn BIO, REGIONALITÄT oder auch NACHHALTIGKEIT alles nur Marketingstrategien sind oder marketing-strategische Schlagwörter und der eigentliche, notwendige ökologisch-ökonomische Wechsel damit nicht erfolgt, dann sollten wir mit SELBSTVERANTWORTUNG gegenüber unser WELT einen EIGENEN Beitrag leisten. Definieren wir doch für uns ur-eigen unsere Verantwortung und handeln auch so!
    Nicht GEIZ ist GEIL, sondern VERANTWORTUNG gegenüber unserem Planeten!

  8. In meinen Augen ist Bio oft mehr als reine Marketingstrategie, nur: Bio passt häufig nicht zu den drumherum herrschenden konventionellen Wirtschaftsweisen. Biologische Landwirtschaft ist wichtig, um Ressourcen wie gesunde Böden zu erhalten oder gar erst wieder zu generieren. Darüber hinaus gibt es Öko-Unternehmen, die über den Tellerrand hinaus denken, sich für Landwirte engagieren und wirklich etwas bewegen möchten. Man sollte das Kind also nicht mit dem Bade ausschütten, auch wenn in der Bio-Branche nicht alle händchenhaltend bei Sonnenschein über die Blumenwiese tanzen. Es geht um Vertrauen und ich persönliche traue den Discountern keinen Meter weit. Erst die Preise derart ruinieren, dass kein Landwirt vernünftig davon leben kann und dann Bio ins Sortiment aufnehmen und dabei die gleichen Denk- und Handelsweisen an den Tag legen.

    Gerade im Lebensmittelbereich gibt es aber genug Alternativen auch abseits von Supermärkten: Einkaufsgenossenschaften mit echtem regionalem Bezug, solidarische Landwirtschaft (man zahlt dem Landwirt Beitrag x und bekommt dann das ganze Jahr Lebensmittel), wie viele Obstbäume werden gar nicht mehr geerntet (Tonnenweise verfault das Obst jedes Jahr), und und und.

    Ich selber bin zum Beispiel über einen Bioladen froh, der direkt von Bauern aus der Rhön beliefert wird. Hier bekomme ich Eier von wirklich artgerecht gehaltenen Hühnern, Kartoffeln, Brot und andere Backwaren. Das paradoxe daran: Die Bio-Kartoffeln aus der Region sind teurer, als Bio-Kartoffeln aus anderen Bundesländern oder gar Ägypten. Da stimmt doch was nicht!

  9. Lieber Jens,

    danke für Deinen Eindruck.
    Es bestärkt mich, meinen eigenen Weg weiter zu gehen. Das Brot backen wir selber, das Mehl dazu bekommen wir direkt von der Mühle aus der Region. Eier und Kartoffeln vom Bauern nebenan. Und wir haben seit Herbst einen kleinen, rund 100 qm, eigenen Anbaugarten.

    Herzlicht Thomas

  10. Hallo,als Betreiber eines 1oo qm Bioladens mit Anspruch spricht mir der Artikel von Jens Brehl aus der Seele. Nur- die meisten „modernen“ Kunden, brauchen ihr Produkt sofort, billig muss es sein und der Laden „muss“ in 1A Lage liegen, damit ja kein Umweg nötig ist. Solange diese „Kunde ist König“-Mentalität herrscht, brauchen wir uns nicht weiter zu beschweren bzw. zu unterhalten. Denn alle, ob DM, Alnatura, Basic, und wie sie alle heißen (außer den „normalen“), arbeiten nach marktwirtschaftlichen Kriterien, das heißt: Verdrängungswettbewerb, der sich bis zum Produzenten (sofern ein Landwirt „produziert“) durchzieht. Also: Augen auf beim Biokauf!

  11. Das Problem nachhaltiger Lebensmittel ist nur ein Aspekt einer umfassenden Tragödie, die sogar der Papst zum Thema gemacht hat: „In diesem System, das dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Profit zu steigern, ist alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergöttlichten Marktes.“

    Solange wir diesen Zustand hinnehmen, sind wir mitverantwortlich für die Zukunft unserer Kinder, auf deren Kosten wir zurzeit leben. Wir müssen für eine Wirtschaft ohne Steigerungszwang kämpfen. Über das Wie kann man dabei diskutieren aber nicht über das Ob. Denkbar ist vieles: Regionalgeldsysteme, Abschaffung des Zinses, Geld mit Umlaufsicherung, Aufhebung der Giralgeldschöpfung, eine Monetative mit Vollgeld, Einführung einer Gemeinwohl-Ökonomie, Finanztransaktionssteuern und vieles mehr.

    Fest steht, eine enkeltaugliche Zukunft bekommen wir nur über eine breite Beteiligung nach dem Motto „Wir sind das Volk“. Kürzlich habe ich deshalb eine Petition an die neue Bundesregierung gestartet um das Anliegen Volkswirtschaft ohne Wachstumszwang ins Bewusstsein zu bringen. Ich denke, dieses Anliegen dürfte auch in Eurem Interesse sein und wäre dankbar, wenn Ihr mir helfen würdet, diese Petition zu verbreiten. Zum Unterzeichnen könnt Ihr hier klicken:
    https://secure.avaaz.org/de/petition/An_die_neue_Bundesregierung_Eine_Volkswirtschaft_ohne_Wachstumszwang/?Day2Share

    Herzlichen Dank,
    Bernhard

  12. Ist zwar kein Bio, aber wenigstens „nachhaltige Produkte aus dem eigenen Land“.

    https://www.der-freigeber.de/hinter-den-kulissen-der-heilen-bio-welt/#comment-96

    Wieso sind regionale Produkte automatisch nachhaltig?

    • Das stimmt: Nur weil etwas bei mir um die Ecke produziert wird, muss es noch lange nicht nachhaltig sein. Zu den Transportwegen ist ist ja die Art, wie Lebensmittel erzeugt werden, entscheident.

      „Regional“ für sich alleine genommen ist für mich persönlich kein Qualitätszeichen – die weiteren Faktoren müssen in meinen Augen ebenso stimmen.

      Übrigens: Bio-Nachrichten aus meiner Region (100 km rund um Fulda) gibt es in meinem Blog „Brehl backt!“ http://www.brehl-backt.de/regionalkiste/

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