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Gegenwind von Mats und Moritz

Wöchentlich überschwemmt die Regenbogenpresse den Zeitschriftenhandel mit Halbwahrheiten, unausgegorener Recherche und dreisten Lügen. „Wir haben das Gefühl, dass die Verlage aus einer bequemen Nische heraus ohne nennenswerten Gegenwind massenweise Persönlichkeitsrechte verletzen und sogar mit übler Nachrede gegen Gesetze verstoßen“, sagt Moritz Tschermak. Deswegen hat der Journalist vor einem Jahr zusammen mit seinem Kollegen Mats Schönauer den Blog „Topfvollgold“ ins Leben gerufen.

Logo Topfvollgold

Bei einem gemeinsamen Einkauf in einem Supermarkt haben sich die beiden Journalisten Zeitschriften der Regenbogenpresse angeschaut. Bereits auf dem ersten Blick war erkennbar, dass viele Hefte einen ähnlichen Namen haben und die gleichen Personen auf den Titelseiten präsentieren. Dabei widersprechen sich die Artikel oftmals: Laut Heft A freut sich beispielsweise ein prominentes Paar über den baldigen Nachwuchs, während das Konkurrenzblatt das tragische Ehe-Aus verkündet. Zudem wird oft das, was auf den Titelseiten groß angekündigt wird, im Heftinneren nicht ansatzweise gehalten. Die beiden Journalisten waren sich schnell einig, über die Regenbogenpresse und deren Praktiken berichten zu wollen.

Zwischen schlampiger Recherche und bewussten Lügen

Auch wenn die bunten Hefte mit ihren Sensationsgeschichten vielfach belächelt werden, besitzen sie jedoch laut Tschermak eine große Meinungsmacht. Das erfolgreichste Heft ist die „Freizeit Revue“, deren Auflage mit der des „Spiegels“ mithalten kann. Insgesamt überschwemmt die Regenbogenpresse den Zeitschriftenmarkt pro Jahr mit 500 Millionen Heften.

Woche für Woche verletzen deren Redaktionen bewusst oder unbewusst Persönlichkeitsrechte, doch außer den Opfern und deren direktem Umfeld scheint dies weitgehend egal zu sein. „Viele der Lügen sind auf den ersten Blick ohne Recherche gar nicht leicht zu durchschauen“, sagt Tschermak. Ein Beispiel von vielen für das Verbreiten von Unwahrheiten ist der „Skandal“ über Prinzessin Dianas Stiftung [1], die nach ihrem Tod ins Leben gerufen wurde. Stiftungsgelder würden missbraucht und Dianas Söhne William und Harry seien entsetzt. Dumm nur, dass der „Diana, Princess of Wales Memorial Fund“ zum Zeitpunkt des Berichts seit Monaten nicht mehr existierte. Im Nachgang läst sich nur schwer klären, ob der Bericht eine bewusste Lüge ist oder schlampig recherchiert wurde. „Die Redaktionen nutzen die Unwissenheit ihrer Leser mitunter gezielt aus“, weiß Tschermak.

Doch auch mit der Praxis der Schleichwerbung schadet die Regenbogenpresse dem Ruf der Medien. Besonders wenn bei Produktvorstellungen Preise und Bezugsadressen genannt werden und einige Ausgaben später eine Anzeige des Herstellers abgedruckt ist. Das riecht förmlich nach unerlaubten Kopplungsgeschäften: Ein Kunde bucht Werbung und als Dank erwähnt die Zeitschrift seine Produkte zusätzlich im „redaktionellen Teil“. Oftmals sind dort Anzeigen nur schwer von Artikeln zu unterscheiden. „In manchen Fällen finden wir den gleichen Text in einer anderen Zeitschrift als Anzeige markiert.“ Verdeckte Werbung und Kopplungsgeschäfte sind klare Verstöße gegen Ziffer 7 des Pressekodex [2], welcher die Trennung von Werbung und Redaktion fordert.

Einkalkulierter Ärger und mediale Erfolge

Über das Einhalten des Pressekodex wacht der deutsche Presserat. Dieser wird allerdings erst dann tätig, wenn ihm konkrete Beschwerden vorliegen. In der Vergangenheit haben Tschermak und Schönauer 22 Artikel beim Deutschen Presserat eingereicht, woraus insgesamt 15 Maßnahmen resultierten: 5 Rügen, 5 Missbilligungen und 5 Hinweise. Nur die Rügen müssen die Verlage öffentlich machen, doch auch wenn sie sich verweigern drohen keine Konsequenzen – Geldstrafen oder dergleichen existieren nicht. Daher wird der Deutsche Presserat mitunter als „zahnloser Tiger“ bezeichnet. Was kümmert die betreffenden Redaktionen Beschwerden vom Presserat, wenn ethisch-moralisch fragwürdige Arbeitsweisen auf der Tagesordnung stehen und das Geschäftsmodell bestens funktioniert? Auch Tschermak ist sich sicher: „Rügen werden nichts an der Art der Berichterstattung ändern.“

Die beiden Journalisten geben sich keiner Illusion hin, mit ihrem Blog etwas gegen die großen Verlage ausrichten zu können. Dazu ist deren Einfluss (noch) zu groß. Immerhin erreichen sie ihr Ziel, ein ehemals vernachlässigtes Thema ins öffentliche Licht zu ziehen. Damit geben sie auch Anlass zu weiterer Berichterstattung: Jeden zweiten Montag schreiben die beiden eine Kolumne für den Medienteil des „Tagesspiegel“, die es ohne ihren Blog nicht gegeben hätte. Selbst Markus Lanz sprach mit Helene Fischer bei „Wetten dass..?“ über ihre negativen Erfahrungen mit der Regenbogenpresse. Mit dabei waren Bildausschnitte vom Blog Topfvollgold [3].

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