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Deutsche Gehörlosenzeitung: Leitmedium statt Nischenprodukt

Bereits 1872 erschien mit „Der Taubstummenfreund“ die erste von Gehörlosen in Eigenregie geführte Zeitung. Auf diese lange Tradition blickt das Blatt zurück, welches seit 1950 unter dem Namen „Deutsche Gehörlosenzeitung“ (DGZ) erscheint. Wie sich das einstige Verbandsmagazin zum Leitmedium entwickelte und mehr, erklärt Chefredakteur Thomas Mitterhuber im Interview.

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Thomas Mitterhuber (rechts) bei einem seiner Interviews für die DGZ.

Jens Brehl: Wie viele Mitarbeiter gibt es und sind alle hörgeschädigt beziehungsweise gehörlos?

Thomas Mitterhuber: Als angestellter Chefredakteur arbeite ich mit über einem Dutzend freier Mitarbeiter zusammen und alle sind hörgeschädigt oder gehörlos. Ich selbst bin seit meiner Geburt taub.

Jens Brehl: Wie darf ich mir Ihren Arbeitsalltag vorstellen? Wie kommunizieren Sie beispielsweise untereinander?

Thomas Mitterhuber: Alle Autoren und die weiteren Mitarbeiter beherrschen die Gebärdensprache. Mit der ebenfalls gehörlosen Herausgeberin Kerstin Reiner-Berthold stehe ich fast täglich über Webcam in Kontakt. Für meine Kommunikation mit den Autoren nutze ich hauptsächlich E-Mail, aber auch Skype, WhatsApp oder Facebook.

Trete ich mit hörenden Menschen in Kontakt, schreibe ich entweder eine E-Mail oder rufe über meine Arbeitsassistenz an, die das Telefongespräch übersetzt. Bei seltenen Vorort-Interviews mit Hörenden engagieren wir einen Gebärdensprachdolmetscher.

Jens Brehl: Ist es nur ein Klischee, dass die Bildungsaussichten für Gehörlose schlechter sind? Wo können Hörgeschädigte beziehungsweise Gehörlose Journalistik studieren oder ein Volontariat absolvieren?

Thomas Mitterhuber: Leider ist das kein Klischee, sondern die Realität. Das liegt meiner Ansicht und Erfahrungen nach vor allem am Bildungssystem. Hier wird der deutschen Gebärdensprache immer noch einen zu geringen Stellenwert beigemessen. Wenn sich ein Erwachsener etwa an der Volkshochschule weiterbilden möchte, muss er die Dolmetscherkosten selbst tragen. Auch das ist Teil des Problems.

Die weltweit einzige Universität für Gehörlose ist in Washington D.C., USA. Möchte man in Deutschland studieren, muss man eine „normale“ Regel-Universität besuchen. Dabei stehen Gebärdensprach- und/oder Schriftdolmetscher zur Seite, deren Kosten in der Regel vom Staat übernommen werden. Auch bei mir war das der Fall, als ich mein Kommunikationswissenschafts-Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München absolvierte. Danach war ich fünf Jahre lang Online-Redakteur, bevor ich zur DGZ wechselte.

Bei einem Volontariat dürfte es dagegen viel schwieriger aussehen, wenn auch nicht unmöglich. Das liegt daran, dass in Redaktionen viel und kurzfristig kommuniziert wird und es je nach Ressort regelmäßig Außentermine gibt. Dadurch ist der Kommunikationsbedarf relativ hoch, die Dolmetscher werden jedoch nicht rund um die Uhr gestellt, weil das Integrationsamt die Kosten nur bis zu einem bestimmten Umfang übernimmt. Außerdem wird gehörlosen Bewerbern immer noch viel zu wenig zugetraut. Aber ich habe das Gefühl, das ändert sich allmählich zum Besseren hin, auch wenn ich mir ein höheres Tempo wünsche. Wo doch schon ständig Inklusion propagiert wird …

Jens Brehl: Warum braucht es eine spezielle Zeitung für Gehörlose beziehungsweise Hörgeschädigte?

Thomas Mitterhuber: Die Gehörlosen sind eine gut vernetzte Gemeinschaft, denn wir teilen eine Sprache, eine Kultur und eine Identität – oft auch über Landesgrenzen hinweg. Aufgrund dieses Zugehörigkeitsgefühls gibt es einen Durst nach Informationen, Austausch und Unterhaltung zu Themen, die uns betreffen. Um diesem Bedarf gerecht zu werden, bietet sich die DGZ an.

Von außen mag es wie ein Nischenprodukt aussehen, für Gehörlose ist die DGZ jedoch das zentrale Informationsmedium, neben der Fernsehsendung „Sehen statt Hören“ [1] im Bayerischen Rundfunk. Nahezu alle unsere Artikel haben einen Bezug zu Gehörlosen beziehungsweise zur Gebärdensprache. Unter unseren Lesern finden sich übrigens auch etliche Hörende, zum Beispiel Angehörige, Dolmetscher, Lehrer oder Sozialarbeiter.

Jens Brehl: Wie hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte das Themenspektrum gewandelt?

Thomas Mitterhuber: Einst war die DGZ eine Verbandszeitschrift des Deutschen Gehörlosen-Bundes und hauptsächlich wurden Fremdtexte abgedruckt. Seit der Übernahme durch unsere heutige Herausgeberin Kerstin Reiner-Berthold und mit meiner Einstellung als Chefredakteur hat sie sich zu einem kritisch-unabhängigen Magazin gewandelt und wird nun mehr denn je als Leitmedium betrachtet.

Heute bieten wir neben den klassischen Themen wie Politik, Kultur und Gesellschaft auch Porträts, Interviews, Themen aus dem Leben sowie auch kontroverse Ansichten. Zudem blicken unsere Leser regelmäßig über ihren Tellerrand hinaus ins Ausland und es gibt das Thema des Monats.

Nicht nur die Themen haben sich gewandelt, sondern insbesondere auch die professionelle Aufbereitung. Aktualität, Recherche und journalistische Qualität sind die neuen Eckpfeiler der DGZ. Außerdem spielen die sozialen Medien auch bei uns eine große Rolle, denn durch sie können wir mit unseren Lesern in Interaktion treten. Dementsprechend hat sich unsere Leserschaft in den letzten Jahren verjüngt.

Jens Brehl: Was sind derzeit die dringendsten Themen?

Thomas Mitterhuber: Politisch sicherlich das Bundesteilhabegesetz. Da wurden die Erwartungen hochgeschraubt, aber so wie ich das sehe, wird die Fallhöhe der Enttäuschungen entsprechend hoch sein. Hinzu zähle ich noch die schulische Inklusion, bei gehörlosen Kindern ist das nämlich viel komplexer als bei Kindern mit anderen Behinderungen.

Jens Brehl: Es gibt auch Portraits von beruflich erfolgreichen hörgeschädigten oder gehörlosen Menschen. Wie vermeiden Sie Klischees à la trotz Behinderung ist er/sie erfolgreich und glücklich? Steht da nicht ständig das Defizit im Fokus?

Thomas Mitterhuber: Wir stellen regelmäßig erfolgreiche Persönlichkeiten vor, die dann als Rollenvorbilder dienen. Als Gehörloser ist mir sehr bewusst, dass das Defizit nicht in den Vordergrund gehört. Deshalb sind bei uns Formulierungen wie „trotz Behinderung“ natürlich per se ein No-Go. Wie man richtig über Menschen mit Behinderung schreibt, zeigt die Initiative „Leidmedien“ [2].

Gehörlosigkeit wird übrigens von den meisten nicht als medizinisch-biologischer Mangel verstanden, sondern als Zugehörigkeit zu einer sprachkulturellen Minderheit. Als Teil ihrer stolzen Identität.

Jens Brehl: Vielen Dank für das Gespräch.