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Auf einem Auge blind

„Der deutsche Journalismus ist gezeichnet von einer dramatischen Recherchearmut“, sagt Dr. Tobias Eberwein, Geschäftsführer der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA). In einem typischen Arbeitsalltag eines Journalisten sei der Zeitanteil für die Recherche erschreckend gering. Auch aus diesem Grund fallen etliche Themen mit gesellschaftlicher Relevanz unter den Tisch. Mit der INA will Eberwein seinen Beitrag leisten, dies zu ändern.

Dr. Tobias Eberwein, Jahrgang 1978, ist Vertretungsprofessor am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Bevor es ihn nach seinem Studium zurück zur Lehre zog, war er als freier Journalist für unterschiedliche Medien tätig. Seit diesem Sommer leitet er als Geschäftsführer die am Institut angegliederte Initiative Nachrichtenaufklärung. Das Ziel: Gesellschaftliche relevante Themen auf die Agenda der Medien setzen, über die aus unterschiedlichen Gründen nicht berichtet wird, Rechercheprojekte anstoßen und damit ein Gleichgewicht in der Medienöffentlichkeit herzustellen. Nicht nur auf den ersten Blick eine Mammutaufgabe.

Mahner, Ausbilder und Dienstleister

Die Initiative sammelt das ganze Jahr über Hinweise aus der Bevölkerung, welche Themen in den Medien vernachlässigt werden. Eine Gruppe von Studierenden am Institut für Journalistik in Dortmund widmet sich den Einsendungen und beginnt zu recherchieren. Auf diese Weise fließt das Thema Recherche praxisbezogen in die Ausbildung der künftigen Journalisten ein. Nachdem diese rund 20 Themen ausgearbeitet haben, legen sie die Ergebnisse einer Jury vor. Deren Mitglieder wählen einmal jährlich gemeinsam die zehn „Top-Themen“ aus und veröffentlichen die entsprechende Liste [1].

Eberwein verzeichnet seit Jahren eine stetig wachsende Medienresonanz auf die Aktion. Im Idealfall greifen Redaktionen Themen auf und es folgen journalistisch hochwertige Berichte. Die Redaktionen und Journalisten können dabei auf die ausführlich dokumentierte Vorrecherche der Studenten aufbauen und damit deutlich Zeit sparen. „Somit bilden wir nicht nur unsere Studenten aus, sondern erfüllen auch die Aufgaben eines Dienstleisters.“

Zeit ist Geld

Mangelnde Zeit für Recherchen ist in vielen Fällen lediglich das Symptom von Finanzlücken der Medienunternehmen. Wenn bei Zeitungen die Auflagen sinken und die Erlöse im Internet nicht ausreichen, haben es arbeitsintensive Themen schwer. Besonders, wenn es erhebliche Widerstände bei der Recherche gibt und Informationen nicht ohne weiteres frei verfügbar sind, wie etwa bei Korruption.

„Die Aufgabe des Journalismus ist es, Öffentlichkeit für bestimmte Themen herzustellen, die gesellschaftlich relevant sind“, sagt Eberwein. „Ich kann nachvollziehen, dass die Wirtschaftlichkeit bei Medienunternehmen mitunter Vorrang hat. Viele Medienhäuser kämpfen momentan ums blanke Überleben, in den vergangenen Jahren sind kleine Zeitungen eingegangen und es werden weitere folgen. Verständnis für die herrschenden Vorgehensweisen ist aber etwas anderes.“

Für manche Verlage ist es verlockend, Anzeigenkunden ein ideales Werbeumfeld zu bieten und dementsprechend Themen auszuwählen und zu gewichten. Alles, was nicht massentauglich ist und keine Werbeumsätze generiert, droht unter den Tisch zu fallen. Eberwein spricht in diesen Fällen von künstlichen Hürden, die Redakteure zusätzlich überwinden müssen.

In Bezug auf Geldfragen bedarf es auch den Mut, alternative Finanzierungsmodelle zu testen – wie das Crowdfunding [2] (zu Deutsch Schwarmfinanzierung). „Crowdfunding kann keine Verlagsstrukturen ersetzen. Es ist aber eine gute Möglichkeit, punktuell rechercheaufwändige journalistische Projekte zu finanzieren“, meint Eberwein. In diesem Jahr veröffentlichte die INA nicht nur die Liste der Top-Themen, sondern ging zudem eine Kooperation mit der Crowdfunding-Plattform Krautreporter [3] ein. Für die beiden Themen „In Spendierroben: Wie Richter ohne Kontrolle Geld aus Prozessen verteilen“  und „Fehlende Kontrolle von Au-Pair-Agenturen“  fanden sich genug Unterstützer. Die entsprechenden Beiträge entstehen zurzeit.

Da das Alles-oder-nichts-Prinzip gilt, werden die gesammelten Gelder nur dann ausgezahlt, wenn die angepeilte Summe vollständig ist. Daran gescheitert sind drei Themen der INA-Liste: „Bonuszahlungen für Ärzte – auch bei nicht zugelassener Medikation“, „Die gehörlose Generation“  und „Waffenexporte werden unzureichend kontrolliert“.

Mangelnder Nachrichtenwert?

Aber nicht nur mangelnde Zeit oder knappe finanzielle Mittel sind Hürden, an denen Themen scheitern können. „In den Redaktionen wird nach Nachrichtenwerten gefragt und die vernachlässigten Themen sind in der Regel solche, wo die klassischen Nachrichtenwerte wie Nähe, Aktualität etc. nicht greifen – oder schlicht nicht gesehen werden“, erklärt Eberwein.

Ein gutes Beispiel in dieser Hinsicht ist der geplante Dokumentarfilm von Konstantin Muffert [4] über die Auswirkungen des kanadischen Teersandabbaus. TV-Sender lehnten Mufferts Angebot ab, „das Thema sei zu komplex“. Darüber hinaus erkennen manche auf das Projekt angesprochene Redaktionen keinen Nachrichtenwert. Doch Mufferts Dokumentation bietet gleich mehrere Ansätze: Klimawandel, Peak Oil (das Ende des billigen Erdöls bei Überschreiten des Fördermaximums), Umweltverschmutzung und die Diskussion über ein EU-Importverbot für das schmutzige Erdöl aus Teersand. Dass mit Andreas Hoppe ein bekannter Schauspieler, der sich wahrhaftig für den Umweltschutz engagiert, am Projekt mitarbeitet, zieht auch nicht überall.

Doch auch die Hetze nach Aktualität wirkt wie eine Sense auf der Wiese der Themenvielfalt. Immer noch versucht manche Zeitung dem Internet hinterher zu rennen, genauso aktuell zu berichten und möglichst viele Ereignisse aufzulisten. Laut Eberwein liegt die Stärke im Printbereich deutlicher beim Einsortieren, dem Herstellen von Zusammenhängen und Hintergrundberichten. Wie ein gedrucktes Magazin für Digital Natives aussehen kann, zeigt beispielsweise Daniel Höly mit Shift [5].

„Das Zeitungssterben passiert nicht nur deswegen, weil das klassische Geschäftsmodell den Platz zwischen Anzeigen mit Nachrichten zu füllen nicht mehr funktioniert und dadurch kaum noch Renditen abwirft.“ Vielmehr sei der Leser zunehmend vom Einheitsbrei der Medien schlicht genervt. „Die Agenda, was in den Nachrichten berichtet wird, diktieren eine Hand voll Agenturen und Konzerne. Auch im Bundestag wird nicht mehr recherchiert, sondern nur noch mitgeschrieben. In jeder Zeitung lesen Sie dann dasselbe“, resümiert Bröckers im Beitrag „Echter Journalismus wird honoriert“ [6].

Darüber hinaus sei angemerkt, dass Journalisten manchmal „aktuell“ mit „relevant“ verwechseln. Wenn vor zwei Minuten in China ein Sack Reis umgefallen ist, wäre dies eine aktuelle Meldung – aber sicherlich keine relevante.

Bereits in den achtziger Jahren formulierte Neil Postman eine Frage, anhand derer man relevante Informationen erkennen kann: „Wie oft kommt es vor, dass die Informationen, die ich morgens dem Radio, dem Fernsehen oder der Zeitung entnehme, mich dazu veranlassen, meine Pläne für den Tag zu ändern oder etwas zu tun, was ich sonst nicht getan hätte, und wie oft verhelfen mir diese Informationen zu Einsichten in Probleme, die ich lösen soll?“

Optimistisch, aber…

Eberwein betont ein Optimist zu sein. Dennoch geht er nicht davon aus, dass sich die Rahmenbedingungen für guten Journalismus in naher Zukunft bessern. „Ich vermute, dass sie sich sogar noch weiter verschlechtern und sich der wirtschaftliche Kampf im Printbereich weiter verschärfen wird.“ Auch künftig würde sich für manche Themen bei etablierten Medien kein Raum finden lassen. Dank Blogs und den sozialen Medien sei die Möglichkeit Themen zu publizieren deutlich gewachsen – wenn die Finanzierungsfrage auch hier geklärt werden muss.

Wer übrigens Lust bekommen hat, ein aus seiner Sicht vernachlässigtes Thema der INA zu melden, der kann dies auf deren Internetseite [7] tun.