„Wir sind keine Sprachpolizei“

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Wenn in den Medien über Menschen mit Behinderungen berichtet wird, so sind diese häufig entweder meisterhafte Helden oder leidende Opfer. Das Drama und die Defizite befinden sich im Scheinwerferlicht, der Mensch als Ganzes bleibt mitunter verborgen. Raul Krauthausen und sein Team von Leidmedien möchten dies ändern und Journalisten inspirieren, sich für neue Sichtweisen zu öffnen.

Der 33jährige Raul Krauthausen ist Aktivist in eigener Sache und gründete 2004 den gemeinnützigen Verein „Sozialhelden“. Mit seinem Team möchte er soziale Probleme auf kreative Art sichtbar machen und auch ein Stück weit lösen. Wie beispielsweise mit seinem 2010 gestarteten Projekt wheelmap.org, einer interaktiven Karte, auf der Nutzer rollstuhlgerechte Orte finden und auch eintragen können. Krauthausen sitzt aufgrund einer Glasknochenkrankheit im Rollstuhl; Barrierefreiheit ist eines seiner Anliegen.

Ein Ende der Floskeln

Über wheelmap.org und Krauthausen berichteten die Medien oft klischeehaft. Er sei an den Rollstuhl gefesselt und trotz seiner Behinderung hätte er das Projekt gestartet. Gleichzeitig Opfer seiner Krankheit ist er doch der strahlende Held. „Eine Behinderung ist nur eine Eigenschaft von vielen und eben nicht die beherrschende“, sagt Krauthausen. Aufbauend auf der Arbeit von Annette Schwindt, die bereits 2004 Hilfestellungen für das Berichten über und den Umgang mit behinderten Menschen veröffentlicht hatte, erarbeitete er zusammen mit den Sozialhelden die Idee zu Leidmedien.

Hier diskutiert ein Team gemeinsam mit Lesern via Facebook und Twitter aktuelle Medienberichte. „Wir sind keine Sprachpolizei“, betont Andi Weiland, Pressesprecher des Vereins Sozialhelden. „Wir geben keine Meinung vor, sondern stellen offene Fragen und verzichten auf den erhobenen Zeigefinger“, legt Lilian Masuhr, Projektleiterin und Journalistin nach. Zur Glaubwürdigkeit trägt bei, dass Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam Leidmedien betreuen.

Sie möchten erreichen, dass Medienschaffende sich auf andere Sichtweisen einlassen und ihnen helfen, sich im oft verwirrenden Begriffsdschungel zu orientieren. „Neben der Medienanalyse möchten wir mit Journalisten reden, bevor sie Beiträge erstellen. Daher bieten wir Redaktionen auch Workshops an. Hier sprechen wir über Texte und Bildsprache und schauen uns dazu Beispiele aus der Praxis an“, sagt Masuhr. „Wir erörtern, welche Sachverhalte man eher in den Vordergrund hätte rücken können und schnell fallen den Journalisten die üblichen Floskeln auf.“ Neben den Tipps wie man Menschen mit Behinderungen beim Interview begegnet, erfahren die Journalisten auch, wie sie barrierefreie Inhalte erstellen können. „Wir möchten Berührungsängste abbauen“. Redaktionen des Kinderkanals, des Rundfunks Berlin-Brandenburg (rbb) und des Tagesspiegels haben dieses Angebot bereits wahrgenommen.

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Kategorie: die anderen

5 Kommentare

  1. Meine Cousine ist schwerbehindert. Sie sagt immer, dass sie durch ihre Behinderung eine zweite Chance bekommen hat ihr Leben neu zugestalten.
    Finde ich bemerkenswert.

    • Das kann ich glaube ich nachvollziehen: Ende 2008 erkrankte ich selber schwer am depressiven Erschöpfungssyndrom, gesundheitlich, finanziell war ich am Boden angekommen, Suizidgedanken machten sich breit. Es folgte ein jahrelanger Weg durch die Hölle und zurück bis ich wieder gesund wurde. Das war mein bislang einschneidenstes Erlebnis und hat mich tief geprägt. Heute bin ich froh, dass mir das passiert ist, denn ich nehme Leben heute ganz anders war, habe zu mir selber gefunden und vieles neu sortiert. Ich empfinde es auch als eine zweite Chance, die ich glücklicherweise in jungen Jahren erhalten habe. Ganz ehrlich: Der neue Jens gefällt mir besser ;) Es scheint in allem eine Chance zu liegen, die Kunst ist es, sie zu erkennnen.

      Anfang Dezember erscheint nun mein Buch „Mein Weg aus dem Burnout“ auch endlich als Taschenbuch: http://www.jens-brehl.de/journalist/buch/

  2. Das ist mit Verlaub die überflüssigste Kampagne, die ich kenne. Zum Einen ist den meisten Behinderten egal, was die Medien über irgendeinen Gehörlosen, Rollifahrer oder Blinden schreiben und Leidmedien ist ein Zeichen von Überempfindlichkeit. Zum Anderen gibt es manifeste Probleme wie Arbeitslosigkeit, Armut usw. Schade um die Mühe, die etwa für das Teilhabegesetz besser verwendet gewesen wäre.

    • Lieber Thorsten,

      es geht ja auch nicht „nur“ darum wie über Behinderte berichtet wird, sondern auch um das Abbauen von Berührungsängsten. Oft zeigen sich in der Art der Berichterstattung lediglich die Symptome. Die Initiative fördert das soziale, menschliche Miteinander – und das sehe ich ganz und gar nicht als überflüssig.

      Sicherlich gibt es in unserer Gesellschaft viele Baustellen und jeder Engagierte setzt sich für die Belange ein, die ihm wichtig sind. Einer meiner Hauptschwerpunkte ist das enkeltaugliche Wirtschaften.

      Wo engagieren Sie sich, was möchten Sie angehen?

  3. Ich finde das nicht nur für Journalisten interessant… (dein Beitrag auf der Leidmedien-Seite holt es noch mal näher und konkreter heran…) (Anmerkung Jens Brehl: Mein Beitrag auf der Leidmedien-Seite ist unter http://leidmedien.de/aktuelles/sichtweisen/interview-in-der-dunkelkammer-beruehrungsaengste-eines-journalisten/ zu lesen)

    Eigentlich wollte ich dir heute auch noch was hier vorbeibringen, zum enkeltauglichen Wirtschaften…, diese Aktion und dahinter steckende Philosophie und Team: http://goodmatters.de/pro-aktivismus/goodmatters-goodsdont/ Lieben Gruß Ghislana

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