Vom Interview zur Nachricht

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Ein knapp 25minütiges Interview ergibt einen Beitrag von 4.080 Zeichen. Aha. Kann man daraus eine Formel ableiten? Vielleicht, aber das soll nicht das Thema sein. An dieser Stelle möchte ich Einblicke geben, wie der Beitrag „Damit Geld ankommt“ entstanden ist, wie lange ich an ihm gearbeitet habe und welche Informationen aus dem Interview mit Reinhold Hartmann einflossen. Dazu gebe ich den Mitschnitt in voller Länge frei. Zum Start von Trans!Charity lud Reinhold Hartmann den gemeinnützigen Equilibrismus e. V. dazu ein, sich auf seiner Internetplattform zu registrieren. Da ich den Verein in der Öffentlichkeitsarbeit unterstütze, landete die E-Mail schließlich bei mir. Damals stand der Startschuss für meinen Blog kurz bevor, Hartmanns Projekt fand ich interessant und so bat ich ihn um ein Interview, welches am 14. Juni stattfand. „Damit Geld ankommt“ war einer der ersten im Blog veröffentlichten Beiträge.

Kurioses zu Beginn

Wer Telefonate und Gespräche ohne Einwilligung mitschneidet macht sich strafbar. Daher frage ich zu Beginn jeder Aufnahme, ob mein Gesprächspartner damit einverstanden ist. So auch Reinhold Hartmann. Doch in Wahrheit läuft die Aufnahme bereits. Auf diese Weise dokumentiere ich, dass er zu Beginn des Gesprächs von der Aufnahme wusste und er auch tatsächlich eingewilligt hat. So kann er im Nachhinein nichts Gegenteiliges behaupten. Hätte er verneint, hätte ich sofort die Aufnahme beendet und die bereits gespeicherten Daten gelöscht. Zudem weise ich Hartmann am Schluss unseres Gesprächs darauf hin, dass ich die Aufzeichnung beende.

Sortieren, Schreiben, Fakten überprüfen

Fast eine Stunde benötigte ich, um die Aufnahme zu hören, Zitate auszusuchen und nebenbei das Rechercheprotokoll auszufüllen. Hier vermerke ich, über welche Themen wir wann gesprochen haben. Zum Beispiel: „0:26 Beweggrund Trans!Charity zu gründen“. Verzichte ich auf diese Fleißarbeit, müsste ich immer die vollständige Aufnahme hören, um einzelne Informationen wieder zu finden.

Rund um Hartmanns Zitate entstanden bald die ersten Absätze, nachdem ich mich entschieden hatte, wie ich den Beitrag beginnen wollte. Manche Inhalte aus dem Interview verkürzte ich oder ließ sie ganz weg. Manche Informationen waren in meinen Augen für den Leser weniger relevant als andere. Eine Aufgabe von Journalisten ist es, Informationen zu sortieren und zu gewichten. Dabei sollte man auch auf den Lesefluss achten, denn lieblos aneinander gereihte Fakten sind öde. Geschickte Überleitungen und griffige Zwischenüberschriften erleichtern das Lesen ungemein.

Zudem stand noch ein Telefonat mit der Pressesprecherin von UNICEF Deutschland an. Bislang kannte ich den Vorfall in Gambia nur aus der Sicht von Reinhold Hartmann. Bevor ich eine solche Information veröffentliche, überprüfe ich sie. Und tatsächlich, der Vorfall wurde bestätigt, doch leider erreichte Hartmann die Antwort von UNICEF vor dem Löschen seiner Frage auf der Facebook-Seite von UNICEF Deutschland nicht mehr. Daher seine Aussage, er habe keine Stellungnahme erhalten. Dieses Missverständnis konnte ich mit meinem Beitrag aufklären. Ohne explizite Nachfrage wäre das nicht möglich gewesen.

Das vollständige Telefoninterview veröffentliche ich an dieser Stelle, damit Sie bei meiner Arbeit einmal „über die Schulter“ schauen können. Natürlich ist Reinhold Hartmann mit dem Veröffentlichen des Mitschnitts in voller Länge einverstanden. Da dies anfangs nicht geplant war, musste er mir das ausdrücklich genehmigen.

audio Interview mit Reinhold Hartmann kostenfrei herunterladen (mp3, 22,2 MB)

Insgesamt habe ich von der ersten Interviewanfrage bis zur Veröffentlichung etwa drei bis vier Stunden an dem Beitrag gearbeitet.

Aus der Blechbüchse

Die Aufnahme klingt, als würde ich in eine Blechbüchse sprechen. Da ich mitgeschnittene Telefoninterviews bislang nur intern verwendet und ich demnach der einzige Hörer war, spielte die Tonqualität eine untergeordnete Rolle. Alexander von Ossowski hat sich mit seinem Tonstudio Igor Record dem Problem angenommen und die Klangqualität so gut es das Ausgangsmaterial zuließ verbessert. Dafür vielen Dank!

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Kategorie: meine Arbeit

2 Kommentare

  1. Ja, genauso hat es sich zugetragen :-)

    Als Jens Brehl mich um dieses Interview anfragte, war ich spontan nicht so begeistert, denn ich habe mit der heutigen Journaille so meine Probleme.

    Früher recherchierte ein Journalist zu einem Thema und berichtete dann. Die Meinung entstand im Kopf der Leser.

    Heute, so scheint es mir, hat der Journalist eine Meinung im Kopf und sucht zu dieser die passenden Fakten für seinen Bericht.

    Jens Brehl gehört zur alten Garde wie ich meine. Er stellte durchaus kritische Fragen, wie in dem Bericht zu hören ist. Aber er unterstellte nicht. So war es mir eine Freude, die Arbeitsweise eines aufrichtigen Journalisten zu erleben.

    Toll fand ich auch, dass er mein Erlebnis mit UNICEF dort hinterfragt hat. Dadurch bekam ich einen zusätzlichen Mehrwert zu meinem Meinungsbild.

    Danke allein dafür.

  2. Lieber Herr Hartmann,

    ja, die fertige Geschichte, die der Interviewte bitte zu bestätigen hat, ist leider ein weit verbreitetes Phänomen. Unter anderem ist dies auch dem Zeitdruck geschuldet: Wenn die Richtung des Beitrags klar ist und / oder er vielleicht schon fast fertig ist, ist es verlockend nur noch passende Zitate zu suchen oder durch manipulative Fragen diese zu provozieren.

    Sollte sich nämlich eine andere Dimension ergeben, müsste diese ja in den Beitrag mit einfließen und das bedeutet Arbeit. Oft ist diese Zeit schlicht nicht vorhanden. Oder aber es ärgert mich als Journalisten, dass ich teilweise von vorne beginnen muss. Besonders freie bekommen nicht die Arbeitsszeit vergütet, sondern „nur“ den fertigen Beitrag. Wie lange ich recherchiere ist „mein Problem“.

    Ich kann an dieser Stelle nur für mich sprechen: Ich recherchiere lieber gründlich und schaue dabei nicht auf die Uhr. Es zählt für mich hochwertige Beiträge zu schreiben, bei denen auch die Fakten stimmen.

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