Und plötzlich ging das Licht aus

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Das Eingeständnis

Nachdem ich sämtlichen Mut gesammelt habe, bitte ich meine Kollegin um ein Gespräch. Meine Hände zittern so stark, dass ich Mühe habe die Tasse zu halten und keinen Tee zu verschütten. Ich beginne zu stottern und mache es daher kurz: Ich bin am Ende lautet meine lapidare Feststellung. Mit knapper Not kann ich meine Tränen zurückhalten. Zu meinem Erstaunen ernte ich Verständnis. Ich habe keineswegs den Verstand verloren, ich sei einfach ausgebrannt. Meiner Kollegin sei es selber einmal so ergangen. Ich bin also kein Einzelfall? Zu diesem Zeitpunkt lebe ich bereits so isoliert, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass es anderen Menschen ähnlich ergehen könnte. Ich verspreche meiner Kollegin einen Arzt aufzusuchen. Seit Jahren hatte ich keine Praxis mehr von innen gesehen, lediglich die Zahnarztbesuche waren regelmäßig.

Aus den gelben Seiten wähle ich einen Allgemeinmediziner aus. Ich schäme mich bei meinem Besuch in Grund und Boden. Doch der Mediziner nimmt sich zu meiner Überraschung Zeit für mich und diagnostiziert ein depressives Erschöpfungssyndrom, umgangssprachlich Burnout. Es kommt mir so vor, als habe er mir damit den Versager-Stempel aufgedrückt. Ich fühle mich absolut wertlos, da ich nicht mehr arbeiten kann. Einen Platz in der Gesellschaft habe ich damit in meinen Augen nicht verdient. Mit der Überweisung zum Psychologen tue ich mich sehr schwer. In meinem Kopf geistern die Bilder von (angeblich) verrückten Menschen, die weggesperrt werden – nachts ans Bett gefesselt und bis zur Unterlippe mit Psychodrogen abgefüllt.

Ich begreife meine Lage jedoch als so hoffnungslos, dass ich einen Termin wahrnehme. Ich erläutere die Umstände und gestehe die Tatsache ein, dass ich in den letzten zwölf Monaten bereits drei Zusammenbrüche hatte. Die Intensität hat sich jedes Mal gesteigert. Mir ist es jedoch gelungen, sie zu verdrängen und meine Arbeit weiterhin zur vollen Zufriedenheit der Auftraggeber erledigen. Das könne ich jetzt auch tun, meint der Therapeut. Den ersten Herzinfarkt würde er bei dieser Vorgehensweise im nächsten halben Jahr erwarten, meint er trocken. Mir scheint, als würden wir aneinander vorbeireden: Ich muss so schnell wie möglich wieder leistungsfähig werden. Medikamente lehne ich ab, denn ich möchte keine Sucht heraufbeschwören. Der Versuchung mich abends mit Alkohol zu betäuben war bereits verlockend genug; es hat mich sehr viel Energie gekostet standhaft zu bleiben. Fit für die Arbeit? Guter Mann, ich mache ihnen sofort einen Aufnahmetermin in einer Klinik. Sagt es und greift zum Hörer. Vor Entsetzen bringe ich keinen Ton heraus. Versteht der Typ denn nicht, dass ich dafür keine Zeit habe? Schließlich kam wenige Tage zuvor ein neuer Auftrag herein. Zudem bin ich mehr als skeptisch. Auf meinen Wunsch hin zählt der Arzt mögliche Behandlungsmethoden auf: Tiefenpsychologische Gespräche, Körperwahrnehmungsschulung, Malen, Töpfern, Besuche in der Natur und dergleichen. Irgendwie gelingt es mir nicht die Augen zu verdrehen. Er erahnt meine Bedenken und erläutert mir, dass ich in keine geschlossene Anstalt käme, sondern in eine Psychosomatische Klinik. Das sei ein himmelweiter Unterschied. Ich sei nicht verrückt und es würde nichts gegen meinen Wunsch geschehen.

Der Aufnahmetermin ist in sechs Wochen. Nun heißt es für mich warten. Ich schaffe es den neuen Auftrag zu erledigen. Ich schreibe eine passable Pressemitteilung, baue einen Verteiler für den Kunden auf und verschicke den Text am gewünschten Datum. Den Großkunden haben meine Kollegin und ich informiert, dass ich aus gesundheitlichen Gründen als Berater ausscheiden werde; bis dahin muss noch einiges für ihn erledigt werden. Ich weiß nicht, woher ich die Kraft dafür nehme. Der private Alltag überfordert mich zusehends. Alle Tätigkeiten, die ich bisher im Vorbeigehen erledigt habe, strengen mich sehr an. Ich bin ein nervliches Wrack und es bedrückt mich, wenn ich mir dafür auch noch selber die Beweise liefere. Wenn ich drei Dinge aus dem Supermarkt benötige, muss ich sie mir vorher notieren. Merken kann ich sie mir nicht. Das Treppenhaus müsste ich mal wieder putzen, was ein Aufwand von 20 Minuten bedeutet. Ich mache daraus ein zwei-Tage-Projekt: Am ersten Tag stelle ich den Putzeimer parat und suche das passende Reinigungsmittel, um dann am Tag darauf tatsächlich zu wischen. Ich bewege mich wie durch Watte. Es kostet eine enorme Willensanstrengung überhaupt etwas zu tun.

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Kategorie: die Freigeber Story, in eigener Sache

Ein Kommentar

  1. Pingback: "Teilzeit behindert" - Ein Journalist erzählt von seinem Burnout

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