detektor.fm: Transparenz ist Programm

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Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Allerdings scheinen viele Radiomacher das Sprichwort nicht zu kennen oder sie ignorieren es. Oftmals wird im Programm gelogen, dass sich die Balken biegen. Für mehr Transparenz kümmert sich mit ihrem Tutzinger Appell die Initiative fair radio, welche nächstes Jahr zehn Jahre alt wird. Bislang hat allerdings detektor.fm als einziger Sender den Appell unterzeichnet. Grund genug, mit Geschäftsführer Christian Bollert über die Hintergründe zu sprechen, denn: Lügen sind durchaus verlockend.

Jens Brehl: Wie beurteilen Sie Schwindeleien im Radio, wenn beispielsweise vorgegaukelt wird etwas sei live, dabei ist es eine Aufzeichnung, verdeckte PR und Ähnliches?

Christian Bollert: Solche Grenzen zu überschreiten ist fragwürdig. Wir haben von Anfang an einen eigenen Redaktionskodex erstellt, den jeder auf unserer Internetseite nachlesen kann, weil solche Praktiken bei uns nicht infrage kommen. Die Hörer wissen das auf Dauer zu schätzen, wenn sie transparent und auf Augenhöhe mit den Medienmachern kommunizieren können.

Jens Brehl: Warum gefährden Radiosender bewusst ihre eigene Glaubwürdigkeit?

Christian Bollert: Darüber kann ich nur mutmaßen. Sicherlich spielt Kostendruck eine große Rolle und die Idee, Programme noch günstiger zu produzieren und trotzdem den Eindruck von einer Liveberichterstattung zu vermitteln. Man spart sich eben viel Arbeit, wenn man nicht an den Ort des Geschehens fährt.

Wir bekommen regelmäßig kostenlos sendefähige O-Töne und Interviews von PR-Agenturen angeboten, die wir natürlich nicht übernehmen. Eine ganze Industrie hat sich darauf spezialisiert, leicht integrierbare Inhalte zu erstellen, um damit PR und Marketing zu machen. Man benötigt ein gewisses Rückgrat, um standhaft zu bleiben. Im ersten Moment ist es verlockend und einfach, aber schließlich setzt man das Wichtigste auf Spiel: das Vertrauen der Hörer.

Jens Brehl: Was verstehen Sie unter fairem Radio?

Christian Bollert: Wir verstehen darunter nichts Unwahres zu behaupten. Wir würden niemals sagen, wir sprächen live mit jemandem, wenn das Gespräch in Wahrheit aufgezeichnet ist und dergleichen. Die Regeln der Initiative fair radio treffen auf unser Programm und unser Selbstverständnis vollkommen zu.

Jens Brehl: Was waren denn die Beweggründe, den Tutzinger Appell zu unterzeichnen?

Christian Bollert: Wir haben im Dezember 2009 unseren Sendebetrieb aufgenommen, zu dem es auch unseren Redaktionskodex schon gab. Bei unseren Recherchen sind wir auf fair radio gestoßen und wir haben uns auch persönlich in Tutzingen getroffen. Uns war schnell klar, dass wir den Appell unterzeichnen.

Jens Brehl: Wie wirken sich der Redaktionskodex und der Tutzinger Appell auf den Arbeitsalltag aus?

Christian Bollert: Teil unserer täglichen Arbeit ist es zu hinterfragen, ob wir unseren Hörern alle Informationen geben, die sie wissen müssen. Dabei achten wir bei Skripten besonders auf die Wortwahl. Gerade bei neuen Kollegen muss man immer schauen, dass diese beispielsweise nicht schreiben „jetzt sprechen wir mit“, wenn das Gespräch nicht live, sondern aufgezeichnet ist.

Jens Brehl: Können Sie sich erklären, warum detektor.fm auch nach sechs Jahren der einzige Sender ist, der sich zum Tutzinger Appell bekennt?

Christian Bollert: Ich kann nur hoffen, dass in nächster Zeit noch weitere Sender den Appell unterzeichnen und sich für faires Radio engagieren. Viele Redaktionen unterstützen das sicherlich grundsätzlich, aber oft scheitert es auch an formellen Prozessen – besonders in großen öffentlich-rechtlichen sowie privaten Sendeanstalten. Dabei gibt es durchaus Sender, die teilweise oder gar komplett nach den Kriterien des Tutzinger Appells handeln und ihn somit auch unterzeichnen könnten.

Jens Brehl: Vielen Dank für das Gespräch.

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